Es ist ein Moment, der Eltern oder Erzieher oft tief trifft: Man beobachtet das eigene Kind dabei, wie es herrisch, ausschließend oder gar gemein zu Gleichaltrigen ist. Die erste Reaktion ist oft Scham oder Sorge. Doch atme erst einmal tief durch: Dieses Verhalten ist in den meisten Fällen eine Phase und eine wichtige Gelegenheit für soziales Lernen.
Hier ist ein Leitfaden, wie du verstehen kannst, warum dein Kind Freunde schlecht behandelt, und wie du konstruktiv darauf reagierst.
1. Die Suche nach den Ursachen: Warum macht mein Kind das?
Kinder handeln selten aus „Bösartigkeit“. Meist steckt ein ungelöstes Bedürfnis oder eine Überforderung dahinter:
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Macht und Kontrolle: Im Alltag bestimmen oft Erwachsene über das Kind. In der Interaktion mit Freunden probiert das Kind aus, wie es sich anfühlt, selbst das Zepter in der Hand zu halten.
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Fehlende Impulskontrolle: Besonders jüngere Kinder können Frust noch nicht gut regulieren. Wenn das Spiel nicht nach ihren Regeln läuft, schlagen sie verbal oder physisch um sich.
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Testen von Grenzen: Kinder sind kleine Forscher. Sie testen aus: „Was passiert, wenn ich ‚Du darfst nicht mitspielen‘ sage? Wie reagiert mein Freund? Wie reagieren meine Eltern?“
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Überforderung oder Stress: Manchmal ist das Kind schlichtweg müde, hungrig oder durch Veränderungen (Umzug, Geschwisterchen) emotional am Limit.
2. Sofort-Strategien in der Situation
Wenn du beobachtest, dass dein Kind unfair wird, ist aktives Eingreifen gefragt – aber ohne das Kind vor den anderen bloßzustellen.
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Kurze Unterbrechung: Gehe auf Augenhöhe und unterbrich das Spiel kurz. Ein ruhiges „Ich sehe, dass ihr gerade Schwierigkeiten habt. Wir machen eine kurze Pause“ nimmt den Druck raus.
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Fokus auf das „Opfer“: Kümmere dich zuerst kurz um das Kind, das schlecht behandelt wurde („Geht es dir gut?“). Das zeigt deinem Kind, dass negatives Verhalten Aufmerksamkeit eher weglenkt als herbeiführt.
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Sachliche Ansage: Vermeide Sätze wie „Du bist böse“. Nutze stattdessen: „Ich möchte nicht, dass du so mit XY sprichst. In diesem Haus gehen wir freundlich miteinander um.“
3. Empathie trainieren (Nachbearbeitung)
Wenn die Gemüter abgekühlt sind, ist Zeit für ein Gespräch unter vier Augen.
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Perspektivwechsel anregen: Frage nicht „Warum hast du das getan?“, sondern „Was glaubst du, wie sich dein Freund gefühlt hat, als du ihn weggeschubst hast?“.
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Gefühle benennen: Hilf deinem Kind, sein eigenes Gefühl zu identifizieren: „Warst du wütend, weil er deinen Turm umgeworfen hat?“
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Lösungen finden: Überlegt gemeinsam: „Was kannst du nächstes Mal sagen, wenn du alleine spielen willst, ohne den anderen zu beleidigen?“
4. Den Rahmen setzen: Vorbild sein
Kinder lernen mehr durch das, was wir tun, als durch das, was wir sagen.
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Eigene Konflikte: Wie streitest du mit deinem Partner oder deiner Partnerin? Sieht das Kind, wie ihr euch respektvoll einigt oder entschuldigt?
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Positive Verstärkung: Achte gezielt auf Momente, in denen dein Kind teilt, hilft oder freundlich ist. Lobt dieses Verhalten explizit: „Ich habe gesehen, wie toll du deinem Freund das Spielzeug gelassen hast. Das war sehr aufmerksam!“
Wann sollte man sich Hilfe suchen?
Wenn das aggressive oder ausgrenzende Verhalten über Monate anhält, das Kind keine Reue zeigt oder es in der Schule/im Kindergarten massiv isoliert ist, kann ein Gespräch mit dem Kinderarzt oder einer Erziehungsberatungsstelle sinnvoll sein. Manchmal stecken tieferliegende Ängste oder Entwicklungsfragen dahinter.
Wichtig zu wissen: Eine schlechte Phase macht dein Kind nicht zu einem schlechten Menschen. Es lernt gerade die komplexeste Fähigkeit der Welt: zwischenmenschliche Beziehungen.
Gibt es eine ganz spezifische Situation, die dich besonders belastet? Ich kann dir gerne helfen, eine passende Strategie für den nächsten Spielbesuch zu entwerfen.