Achtsamkeit Gedanken über das Leben

Was bedeutet Stille für dich?

Der folgende Beitrag ist eine lose Sammlung von Gedanken zu den Themen Stille, Musik und wie sich meine Beziehung zu beiden durch die Beschäftigung mit Achtsamkeit verändert hat. Gerade in der letzten Woche, während sadfsh unterwegs und ich daher allein war, habe ich mich aktiver als sonst mit diesen Themen auseinandergesetzt. Anders als sonst ist dabei kein gut ausgearbeiteter, zielgerichteter Artikel herausgekommen, sondern eher eine Art Gedankenstrom. Vielleicht möchtest du ein kurzes Stück mit dem Strom fließen?

Das Fehlen von Geräuschen war früher komisch für mich.

Früher fand ich Stille immer irgendwie seltsam, fast unnatürlich, weil es in meiner Kindheit selten ganz still war. Immer waren irgendwo Bewegung, Stimmen und Geräusche zu hören. Als ich dann von zuhause auszog, habe ich viel Musik gehört oder den Fernseher als Hintergrund benutzt, um mich nicht mit diesem unbekannten Fehlen von Geräuschen beschäftigen zu müssen. Heute wird mit beim Gedanken mit Musik, Podcasts oder sogar Video im Hintergrund zu arbeiten ganz schummrig im Kopf. Wie soll ich mich denn da konzentrieren? Wenn ich es doch mal versuche, dann hilft bestimmte Musik zwar mich in den Arbeitszustand zu versetzen, nach ein paar Minuten blende ich sie aber vollkommen aus oder drücke den Stopp-Knopf, um meine Aufmerksamkeit nicht mit den fremden Stimmen teilen zu müssen.

Die Stille in unserem Zuhause

Als ich heute morgen die Augen geöffnet habe, ist mir wieder einmal bewusst geworden, wie außerordentlich still es in unserer Wohnung, ja dem gesamten Haus ist. Wenn du auf dem Land oder in einem eigenen Haus wohnst, dann wunderst du dich jetzt vielleicht, warum das für mich etwas Besonderes ist. Wir leben in einer Wohnung, die zu vier der sechs Seiten an andere Wohnungen anschließt. Sie liegt mitten in der Stadt in einem typischen Wohngebäude mit 10 Einheiten, die alle bewohnt sind. Wenn ich die Fenster öffne, kann ich die Nachbarn draußen auf der Straße hören, Musik aus vorbeifahrenden Autos und das gleichmäßige Stadthintergrundrauschen aus Straßenbahnen, Autobahn und Leben.

Sind die Fenster jedoch geschlossen, dann ist es die meiste Zeit des Tages still. Ich weiß nicht, ob die anderen Menschen in unserem Haus sich tagsüber nicht bewegen oder einfach nicht zuhause sind – aber ich fühle mich wie ein Unmensch, wenn ich z.B. den Drucker anwerfe und die gleichmäßigen Geräusche des Gerätes diese Stille zerschneiden und klingen als hätte ich eine ganze Druckerei in unseren vier Wänden versteckt.

Laufen mit Musik

Ist dir aufgefallen, dass es in den letzten Jahren irgendwie Mode geworden ist, Sport mit Kopfhörern zu treiben? Ich meine damit nicht nur die Menschen in Sportstudios, sondern auch Läufer_innen und Radler_innen, die mir immer mal wieder auf meiner Laufrunde begegnen. Statt sich auf ihren Körper, die Bewegung und die Umgebung zu konzentrieren, schotten sie sich hinter einer Stimmenwand ab. Abgesehen davon, dass ich meine Kopfhörer bei der kleinsten Bewegung verlieren würde, wäre das auch sonst nichts für mich. Ich tauche lieber in die Geräuschkulisse ein, die mich beim Laufen umgibt.

Musik hören als bewusste Tätigkeit

Überhaupt lassen ich Musik mittlerweile nur ganz selten nebenbei laufen. Manchmal vergehen Tage, in denen ich fast keine Musik höre, weil ich so mit anderen Dingen beschäftigt bin. Dann wieder sitze ich lange Zeit fasziniert am Computer, höre alte Alben, entdecke neue Sänger_innen oder tauche auf Youtube mit Hilfe von Aufnahmen in die Atmosphäre von Konzerten ein. Schließe dabei die Augen und konzentriere mich ganz auf die Musik.

Karo Kafka hat mich vor einigen Tagen auf Instagram nach meinen aktuellen Lieblingsliedern gefragt und einfach ist mir die Antwort nicht gefallen. Zum einen höre ich selten nur einzelne Lieder aus Alben, sondern die komplette Aufnahme. Früher fand ich das nicht wichtig, heute weiß ich, dass sich Künstler_innen auch etwas bei der Anordnung der Tracks auf CDs denken. Dass manche Alben fast eine Art Sog entwickeln, der mich beim Hören in seinen Bann zieht und erst am Ende wieder loslässt.

Achtsamer Umgang ist für mich der Schlüssel

Während ich das gerade schreibe, merke ich wie viel bewusster ich mich heute der Stille und auch den Geräuschen im Alltag aussetze. Minimalismus hat für mich immer auch eine gewisse Reizarmut bedeutet, also die aktive Auswahl von Reizen mit denen ich mich tagtäglich umgebe. So wie leere Flächen meine visuelle Wahrnehmung beruhigen, tut es die Stille mit meinen Ohren. Ich entlaste meinen Kopf von dem ganzen Lärm und lenke meine Aufmerksamkeit lieber auf die Dinge, die wirklich entscheidend sind.

Genauso bewusst bin ich mir aber, dass ich mit dieser Freiheit als Studentin das große Los gezogen habe. Die Mehrheit der Menschen, und wahrscheinlich auch du, kann sich am Arbeitsplatz und im Alltag nicht aussuchen, mit welchen Geräuschen und Lautstärken man umgeben wird. Wer heute z.B. als Verkäufer_in arbeitet wird quasi in Dauerschleife mit Werbesprüchen, Durchsagen und Musik berieselt. An anderen Arbeitsplätzen ist es durch Maschinen oder die Menge an Kunden so laut, dass man sich abends sicherlich einen stillen Platz wünscht.

Meine Frage daher an dich: Wie gehst du mit Lärm und Stille in deinem Alltag um? Brauchst du gewisse Hintergrundgeräusche, um produktiv zu arbeiten? Oder suchst du eher nach den ruhigen Momenten?

Beitragsbild:

Heißt zwar Apfelmädchen, mag aber eigentlich lieber Erdbeeren als Äpfel. Lebt minimalistisch, nachhaltig und vegan. Studiert Psychologie. Liest leidenschaftlich gerne Bücher & Comics. Interessiert sich für die Zukunft (Science Fiction, Dystopien, Postwachstumsökonomie), aktuelle Politik und Feminismus. Organisiert von Zeit zu Zeit Events wie die Konsumauszeit oder die Minimal Kon. Verbringt zu viel Zeit auf Twitter.

15 Kommentare zu “Was bedeutet Stille für dich?

  1. Stille = Entspannung für die Ohren. Ich brauche und nutze das inzwischen regelmäßig. Die ständige akkustische Reizüberflutung macht mich völlig kirre.
    Liebe Svenja, ein wirklich sehr schöner Beitrag, der überhaupt nicht wie eine lose Sammlung auf mich wirkt, sondern wie ein Stück Lebenswirklichkeit.

    • Hallo Gabi,

      es freut mich, wenn der Beitrag doch nicht allzu lose & wirr wirkt wie ich erwartet hatte. Manchmal sehen andere die eigene Ordnung besser als man selbst.

      Wie präsent akustische Reizüberflutung ist, ist mir neulich wieder aufgefallen als ich mit sadfsh’s Mutter im Bio-Supermarkt war und sie anmerkte, dass dort ja gar keine Musik gespielt wird. Und ich wundere mich schon seit Jahren, warum ich in dem Laden so gerne einkaufen gehe 🙂

      Liebe Grüße, Svenja

  2. Wenn ich früher in Interviews gelesen habe, dass dieser oder jene Schauspieler die Beschallung in Cafés oder Restaurants nicht mag, war mir das fremd. Heute verstehe ich das. Manchmal mag ich es, manchmal ist es auch mir zu viel. Wenn es zu laut ist, dann bitte ich heute sogar höflich das Personal die Musik leiser zu drehen.

    Ich liebe es Musik zu hören, aber eben nur noch bewusst. Entweder um gute Laune zu bekommen, oder beim Putzen, außerdem liebe ich es beim Autobahn fahren Alben zu hören und mitzusingen (natürlich nur, wenn keiner mit im Auto sitzt :o)) Beim Zugfahren find ich Musik hören z.B. absolut notwendig, um die anderen Menschen und schrecklich nervige Gespräche auszublenden.
    Da ich selten Musik höre, genieße ich es mittlerweile sehr, sehr.

    • Zum Zugfahren: Ich bin meinem Mann immer sehr dankbar, dass es für ihn völlig okay ist, dass wir uns nicht unterhalten und ich stattdessen Musik höre. Eigentlich ziemlich unhöflich, aber da es für uns beide wirklich okay ist, immer schön – ich lausche gerne der Musik und gucke aus dem Fenster. Ich sollte echt öfter Zug fahren…

      • Hallo Nanne,

        beim Autofahren hören wir auch super gerne Musik, wir haben sogar eine spezielle Autofahr-CD, die nur dann gespielt wird 🙂 Beim Zugfahren liest sadfsh meistens und ich schaue einfach nur aus dem Fenster oder belausche aus Neugier andere Mitreisende, weil ich gar keine Kopfhörer habe, die ich auf so eine Reise mitnehmen könnte.

        Liebe Grüße, Svenja

      • Hihi, ich höre gerade Musik, weil mich diese Gespräche so nerven :o) Meine Kopfhörer waren letztens kaputt. Es stand außer Frage, dass unbedingt neue her müssen…

  3. Hallo Svenja,

    ich bin sehr sensibel, was Geräusche anbetrifft. Arbeiten mit Fernseher im Hintergrund? Auf gar keinen Fall! Arbeiten mit Musik? Nur, wenn ich beim Schreiben eine bestimmte Stimmung brauche und nur ohne Stimmen, denn die lenken ganz besonders ab. Musik beim Sport? Um Himmels Willen! Da will ich ja gerade mal meine Ruhe haben. Abgesehen davon halte ich es bei Verkehr auch für etwas gefährlich. Und ja, das Problem mit den Kopfhören kenne ich. Generell mag ich gar keine Kopfhörer. Und auch ich höre Musik eher bewusst, wobei das auch noch stark ausbaufähig ist hin zu noch bewusster. Ich bevorzuge es auch, Alben zu hören, denn da steckt eine gewisse Komposition dahinter. Besonders aufgefallen ist mir das damals, als ich ‚An Awesome Wave‘ von alt-j gehört habe. Deshalb höre ich auch gar nicht so viele Alben in der Summe. Ich genieße lieber wenige. So, das sind meine losen Gedanken. 🙂 Hab ein ruhiges Wochenende!

    • Hallo Philipp,

      im Alltag mag ich Kopfhörer schon sehr gerne, ich habe ein paar gute Bügelkopfhörer, die es mir erlauben Musik zu hören ohne dass sadfsh gleich mithören muss. Nur außer Haus verwende ich diese nicht (Kabel zu lang, eigentlich ein Headset).

      Liebe Grüße, Svenja

      P.S.: Gleichmal reinhören, was du so für Musik hörst 🙂

  4. Ich nutze Musik beim Schreiben um bestimmte Stimmungen hervorzurufen. Auch gibt es Lieder die mich bereits zu vielem inspiriert haben. So finde ich auch, dass hinter der Musik (ich spreche mal nicht von dem üblichen Mainstream Gedudel) auch eine gewisse Poesie steckt. Nur, das genieße ich bewusst und nicht mehr so viel früher. Im Auto läuft eh nur Kindermusik. 😉
    Zudem bin ich der Erkenntnis erlangt, dass man sehr wohl stille ertragen kann. Wir waren vom Land in die Großstadt und jetzt wieder aufs Land gezogen und ich liebe diese Ruhe!

    Viele Grüße
    MV

    • Hallo MV,

      ohja an die Kindermusik im Auto kann ich mich auch noch gut erinnern aus der Zeit als meine Geschwister noch klein waren. Zum Glück sind sie jetzt alle groß und wir spielen immer ein Wunschliedspiel, sodass sich jeder der Reihe nach ein Lied wünschen darf – da kommmen die tollsten Erinnerung und Fundstücke zum Vorschein.

      Liebe Grüße, Svenja

  5. Hallo Svenja!

    Ich bin auch sehr geräuschempfindlich, mag es sehr, wenn es ruhig ist. Bei der Arbeit hat mich das Pfeifen vom Kopierer wahnsinnig gemacht oder wenn andere ständig quatschen, wenn ich arbeiten möchte.

    Die Geräusche der Natur hingegen liebe ich. Das Plätschern vom Bach und die Blätter im Wind.

    lg
    Maria

    • Hallo Maria,

      Naturgeräusche finde ich auch nur sehr selten störend, deshalb freue ich mich immer, wenn ich auch hier in der Großstadt Vögel zwitschern und Blätter rauschen hören kann. Jetzt gerade zum Beispiel weht der Wind durch einen Baum vor dem Fenster…

      Liebe Grüße, Svenja

  6. Hi Svenja,
    schöner Beitrag!
    Beim Arbeiten würde mich Hintergrundbeschallung auch extrem stören.
    Beim malen oder bildhauern höre ich allerdings ganz gern Musik. Keine Ahnung, warum es mich da nicht stört.
    Stille ist, da ich auf dem Land lebe für mich nichts so Ungewöhnliches und ich bin oft froh, wenn ich nach einem Tag, an dem ich unentwegt telefoniert, oder an Besprechungen teilgneommen habe in diese Ruhe komme.
    LG von der Chaoskämpferin (Astrid)

    • Hallo Chaoskämpferin,

      danke für deinen Kommentar. Gerade nach einem anstrengenden Arbeitstag ist es wirklich schön in ein ruhiges Zuhause zu kommen – das kann ich gut nachvollziehen.

      Liebe Grüße, Svenja

  7. Pingback: Blogs im Juni 2015 | STADTKIND

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