Konsumauszeit 2016 | Apfelmädchen & sadfsh
Minimalismus Nachhaltigkeit

Warum wir auch in diesem Jahr wieder eine Konsumauszeit veranstalten

Seit einigen Tagen häufen sich nun schon die Nachfragen, ob wir trotz der aktuellen Neustartphase wieder zu unserer Konsumauszeit im November einladen werden. Die Prämisse: 30 Tage nichts außer Lebensmitteln und notwendigen Haushaltsprodukten kaufen. Falls du noch nicht so lange Leser_in von Apfelmädchen & sadfsh bist, hier ein längerer Ausschnitt aus dem ursprünglichen Ankündigungsbeitrag zu der Motivation:

Konsum – ein Schlagwort, das uns alle auf die ein oder andere Art und Weise immer wieder beschäftigt. Wer viel Geld zur Verfügung hat, definiert sich leicht durch seine Käufe und Besitztümer. Wer ständig zu wenig in seinem Portemonnaie vorfindet, macht sich vielleicht Sorgen um die nächste Mahlzeit und hat Angst, sich eine neue Winterjacke nicht leisten zu können. Sorgt sich, nicht mehr mithalten zu können und den eigenen Platz in unserer Gesellschaft zu verlieren. Wer aus den unterschiedlichsten Gründen lieber aus der Konsumspirale aussteigen will, stößt unfreiwillig bei jedem Blick aus dem Fenster und Besuch im Supermarkt wieder auf Werbung, Angebote und das Streben nach mehr als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.

Ich könnte jetzt schreiben, dass ich als Minimalistin mit diesem ganzen Spiel schon lange nichts mehr zu tun habe und sicherlich würdest du mir dieses Statement ohne großes Zögern abkaufen – es wäre aber nicht wahr.

Gerade mit Blick auf die Weihnachtszeit und das überbordende Shoppen von Weihnachtsgeschenken, das nun demnächst wieder Einzug in die Fußgängerzonen und Online-Kaufhäuser erhält, möchte ich dich daher einladen, dir und deinem Kopf eine Auszeit zu gönnen. Eine bewusste Auszeit vom Kaufen. Um im Kopf und im Alltag mehr Raum für Kreativität, Beziehungen und neue (Lern)Erfahrungen zu schaffen. Und um zu erfahren, wie viele Alternativen zum klassischen Geld gegen Ware – Tauschgeschäft es in unserer Gesellschaft gibt.

So war die Konsumauszeit 2015.

Im letzten Jahr sind diesem Aufruf – sehr zu unserer Überraschung, denn das ganze war eine recht spontane Idee – mehr als 30 Blogger_innen und viele weitere Leser_innen gefolgt. Gemeinsam haben wir uns über soziale Netzwerke ausgetauscht und wer mochte, hat einmal die Woche einen Beitrag auf seinem_ihrem Blog veröffentlicht. Für viele (uns eingeschlossen) war der November eine bereichernde Erfahrung.

Dennoch war das Feedback nicht von allen Seiten positiv. Wir (und hier sind wahrscheinlich Besserverdienende gemeint, die wir ja gar nicht sind) würden arm spielen und könnten den Alltag von Menschen, die lange Zeit mit sehr wenig Geld auskommen müssten, nicht verstehen. Wir würden Armut mit unserer Idee verhöhnen. Außerdem sei unser Ziel (nur kaufen, was man wirklich braucht) doch normal – wofür wir da eine Mitmachaktion ausrufen würden. Damals hat mich diese Kritik aus verschiedenen Gründen getroffen, heute sehe ich viele Aspekte der Minimalismus- und Nachhaltigkeitsbewegung ebenfalls kritischer. Vielleicht war die Kritik, die mich vor allem über Twitter erreichte, sogar einer der Anfangspunkte für das, was jetzt in unserem Wunsch nach einem Neustart auf Apfelmädchen & sadfsh mündete.

Das neue Motto der Konsumauszeit 2016.

Gestern habe ich also bei einem Spaziergang mit Marc darüber gesprochen, wie wir es halten wollen: nochmal eine Konsumauszeit machen oder dieses Jahr lieber darauf verzichten und das Projekt in andere Hände weitergeben?

Unser Entschluss: Ja, wir hauchen dem alten Projekt neuen Atem ein – aber unter einem leicht veränderten Motto. Statt uns wie im letzten Jahr vor allem darauf zu konzentrieren, nichts zu kaufen, wollen wir dieses Mal nach neuen Ideen suchen. Alternativen entdecken und ausprobieren.

Passenderweise habe ich heute eine Rede zu einem ganz anderen Thema (Dystopien & Utopien in der Literatur) von Anne Schüßler gelesen, die auf die Frage, warum sie Science Fiction-Literatur liest, Folgendes antwortet:

Vielleicht gibt es kein System, das für alle Menschen die beste denkbare Lösung ist. Vielleicht gibt es keine perfekte Gesellschaft, nur eine, der wir uns mit kleinen Schritten, vielen Kompromissen und der Bereitschaft zu ständiger Selbstkritik und Veränderung langsam aber sicher annähern können. Vielleicht gibt es sie, aber wir sind noch nicht in der Lage, sie uns vorzustellen. Aber wir können unsere Vorstellungskraft schulen, wir können uns jeden Tag damit beschäftigen, wie die Welt aussehen könnte, jetzt, in einem Jahr, in zehn Jahren, in hundert oder in tausend Jahren. Und mit jedem Mal, mit jeder Geschichte, die uns erzählt wird, mit jeder Idee, mit der wir uns auseinandersetzen, wissen wir ein bisschen besser, was wir wollen und was wir nicht wollen, was wie ein guter Weg scheint und was wie ein schlechter. Wir dehnen unsere Vorstellungskraft und erreichen Gebiete, die wir alleine nie erreicht hätten. (Quelle: “Warum ich Science Fiction lese” von Anne Schüßler )

Wir alle konsumieren, weil wir Bedürfnisse haben – daran ist nicht zu rütteln. Wir brauchen Lebensmittel, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, wollen etwas erleben und Teil unserer Gemeinschaft sein. Über die Ausgestaltung – sprich die Befriedigung solcher Bedürfnisse – müssen wir jedoch dringend verhandeln: Wie kann dieser Konsum anders gehen – vielleicht ohne Geld, sicher ohne Ausbeutung, dringend ohne weitere Zerstörung. Oder um es positiv auszudrücken: Als Austausch auf Augenhöhe. Mit anhaltender Wertschöpfung bzw. -schätzung für Menschen, Tiere und unsere Ressourcen. Mit einem Blick für Gerechtigkeit. Mit Maß und Verzicht. Mit einem besseren Verständnis für Zusammenhänge und das große Ganze.

Selbstverständlich reicht Konsumkritik bzw. konsumkritisches Verhalten alleine nicht aus. Kaufen wird ja gerne als Stimmzettel an der Kasse bezeichnet, für mich ist es allerdings nur ein Anfang, den wir in unserem Alltag machen können. Wir brauchen für wirkliche Veränderungen ein Umdenken in ganz anderem Maße – das möchte ich an dieser Stelle ganz explizit sagen – ein politisches und strukturelles Umdenken.

Wir laden dich ein: Bist du dabei?

Was bleibt – und für uns weiterhin den Kern der Konsumauszeit ausmacht – ist der Austausch mit dir. Wir laden dich also auch in diesem Jahr wieder ein, dich uns anzuschließen. Lass uns gemeinsam, unsere Vorstellungskraft dehnen. Es gibt nur ein paar grundsätzliche Regeln, die wir gleich auflisten. Was für einen Schwerpunkt du für deine Konsumauszeit setzt, das ist dir überlassen. Du weißt am besten, wo auf deinem Weg du dich gerade befindest und was dich deinem Ziel näher bringt.

  • 30 Tage lang nichts (Neues) kaufen
  • ausgenommen sind: Lebensmittel, Drogerie-/Haushaltsartikel (nur wenn vorheriges Produkt aufgebraucht ist)
  • Wenn etwas Wichtiges kaputt geht: erst reparieren, ansonsten ersetzen (wenn möglich gebraucht)
  • Leihen und Tauschen sind nicht nur erlaubt, sondern sogar ausdrücklich erwünscht!
  • Wenn du möchtest, kannst du dich über Blogs/Kommentare, Twitter und Facebook austauschen. Hashtag ist #Konsumauszeit. Wir freuen uns, wenn du in deinen Blogbeiträgen zurück auf diesen Text verlinkst.

Wenn du mitmachen möchtest, dann schreib uns bitte eine Mail an hallo(ät)apfelmaedchen.de. Infos, die wir brauchen: Dein Name, dein Blogname und ein Link zu deinem Blog. Danke 🙂 Eine Liste mit allen teilnehmenden Blogger_innen veröffentlichen wir dann am 01. November hier auf der Seite.

Heißt zwar Apfelmädchen, mag aber eigentlich lieber Erdbeeren als Äpfel. Lebt minimalistisch, nachhaltig und vegan. Studiert Psychologie. Liest leidenschaftlich gerne Bücher & Comics. Interessiert sich für die Zukunft (Science Fiction, Dystopien, Postwachstumsökonomie), aktuelle Politik und Feminismus. Organisiert von Zeit zu Zeit Events wie die Konsumauszeit oder die Minimal Kon. Verbringt zu viel Zeit auf Twitter.

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