Vegetarisch für einen Abend? Über die Hysterie der deutschen Politik | Apfelmädchen & sadfsh
Gedanken über das Leben Nachhaltigkeit

Vegetarisch für einen Abend? Über die Hysterie der deutschen Politik

Hi!

Wir müssen leider über Umgangsformen reden.
Nicht über deine, die sind super. Auch nicht über meine, die sind auch . . . ja jedenfalls Umgangsformen.

Für den lockeren Einstieg habe ich ein Rätsel vorbereitet. Bist du bereit?
Okay, los gehts.

Ein kleines Rätsel zu Beginn:

Was muss passieren, damit auf Twitter der Vorwurf des totalitären Gesinnungsfaschismus gegenüber einer Institution geäußert wird?
1. Ein Unternehmen mit mehr als 1000 Followern kündigt an, nur noch auf Snapchat aktiv zu sein, weil das viel cooler ist.
2. Ein Reiseinstagramer kündigt an ein Jahr lang konsequent schwarz-weiß zu fotografieren.
oder
3. Das Bundesumweltministerium gibt bekannt, Gäste des Hauses in Zukunft mit vegetarischen Gerichten zu verpflegen.

Richtig. 3! Wobei ich mir fast sicher bin, dass auch die anderen beiden Fälle in unserer heutigen Zeit geeignet werden, um Hass und Verderben über die Welt einbrechen zu lassen.

Spoiler-Alert für den Rest des Beitrages. Ich bin Veganer, finde die Entscheidung ganz geil, weils ein kleiner Schritt ist – mir fällt nahezu keine öffentliche Initiative ein, die weniger Menschen betreffen würde – und einigen Menschen vielleicht mal zeigt, wie lecker eine Mahlzeit auch ohne Fleisch sein kann. In der Massentierhaltung sind die Bedingungen für die Tiere meist eher unterdurchschnittlich freundlich,  die entstehenden Klimagase werden nur von Energieproduktion und herkömmlicher Industrie getoppt. Nebenbei geht es um die Zukunft des Planeten. Davon hat die Heinrich Böll Stiftung aber mehr Ahnung. Lies den Fleischatlas, bitte.

Mal ehrlich, ich liebe das Internet, bin hier zuhause und würde immer davon ausgehen, ich wäre in einer früheren Zeit an Langeweile gestorben (was natürlich Unsinn ist, denn ich hätte unendlich viel arbeiten müssen oder wäre im Krieg gestorben, jedenfalls hätte ich das Internet und seine Möglichkeiten nicht gekannt, weshalb der Vergleich mich nicht runtergezogen hätte), aber aktuell zweifel selbst ich daran, dass es so klug war Menschen die Möglichkeit einzuräumen, sich sofort, ohne nachdenken und ohne Kosten zu jedem Sachverhalt zu äußern. (Und ja, ich merke es selber, ich profitiere in diesem Moment genau davon und rante mich mit teils oder größtenteils nicht reflektierten Aussagen in deinen Alltag.)

Und nein, liebes Apfelmädchen, dieser Satz ist nicht zu lang, er ist genau so, wie ich ihn gedacht habe und zur besseren Strukturierung habe ich sogar Kommata, Klammern und Punkte gesetzt.

Was ich mich dabei frage:

Okay. Das Bundesumweltministerium ändert den Speiseplan für Gäste. Schon geil. Ich wäre nie auf die Idee gekommen mir darüber Gedanken zu machen, aber jetzt ist die Katze aussem Sack, der Drops gelutscht. Der Pudding wackelt. Also schunkel ich mal eben mit.

Was ich fragen würde, wenn sich jemand dafür interessierte:

1. Gehe ich recht in der Annahme, dass der_die nächste Umweltminister_in die Regelung sofort wieder ändern kann, falls der_diejenige überhaupt etwas mit dieser Entscheidung zutun hat?

1b. Wenn dem so ist, handelt es sich dann vielleicht nur um Wahlkampf, um den in Umfragen schwächelnden Grünen etwas ihres vernachlässigten linken Kernklientel abzuwerben?

2. Gibts auch was Veganes?

3. Wieviele Gäste hat das Bundesumweltministerium (Sitz übrigens in Bonn) denn so im Jahr und wie groß ist der Anteil der Gäste, die sich mehr als einmal im Jahr die Klinke in die Hand geben?

Anmerkung Apfelmädchen: So ein Flug von Berlin nach Köln/Bonn und zurück verbraucht übrigens 372kg (berechnet über Atmosfair, Businessclass) bzw. 376kg (berechnet über myclimate, Businessclass) CO2-Emissionen – im Vergleich dazu veranschlagt das Umweltbundesamt 1,75t CO2 für die Ernährung des Durchschnittsdeutschen pro Jahr. Nur mal so wegen Perspektive und Relationen.

4. Wie kommt man als Unions– oder FDP-Politiker mit jahrelanger Erfahrung auf die Idee, dass eine neue Speisekarte einem Verbot entspricht? Mein Gott, lasst euch von euren Chauffeur_innen 400 Meter weiter fahren, haltet an irgendeiner Bude und haut euch Currywurst-Pommes rein. So wie es jede_r von uns macht, nur, dass wir selber gehen oder fahren müssen. Da sagt das Ministerium nicht „Nein, dürft ihr nicht“, DENN ES GIBT KEIN VERBOT! Und ihr braucht mir nicht sagen, „Nein, kann ich nicht, es gibt keine Buden.“ Gibt es, siehe Karte. Bitteschön.

5. Wenn wir und vor allem ich uns/mich dann mal wieder abgeregt haben, könnten wir denn dazu übergehen wahrzunehmen, dass diese Welt einen echten Haufen Probleme hat, die es Wert sind Zeit für sie aufzuwenden?

5b. Waaaaaaaaaas? Beim Stadtfest am Tag der Erde im Kassel-Wolfsanger gibt es dieses Jahr keine Wurst? „Das ist das Allerletzte!“ Das darf man nicht. Wer hats gesagt? Rainald Grebe. Ach nee, da gings ums Nichtwählen. CDU-Stadtverordneter Kortmann hats gesagt. VERBOTE NICHTS ALS VERBOTE. Wo Spaß ist, muss auch Tod sein.

6. Welche politische Sau wollen wir morgen mal durchs Dorf treiben, damit jeder das Gefühl hat, wir würden arbeiten?

Was ich eigentlich sagen wollte:

Vor einiger Zeit forderte ich, dass wir nicht so hysterisch sein sollten. Auch wenn ich eher sauer und wütend bin, ist mir bewusst, dass dieser Beitrag eben genauso wirkt. Hysterisch. Ist schließlich nichts passiert. Irgendwer hat gegen irgendwen oder -was ausgeholt und den normalen Menschen wird das niemals betreffen.

Aber: Seit ewig und drei Tagen, leben wir mit einem Personenwahlkampf. Heute wählt man nicht die SPD, sondern Martin Schulz, vor einigen Jahren wählte man Merkels zur Raute geformte Hände, die Grünen mochte man, weil sie Turnschuhe trugen und das Establishment durcheinanderbrachten und wer kennt nicht mehr das Guidomobil, der für… ja für welche Partei eigentlich… durch die Republik tuckerte?

Kommt ein ernstes Thema auf den Teller, sehen alle rot. Einmal schnell rübergeshitstormed und schon ist es aus der Welt. Frag mal einen Grünen deines Vertrauens nach dem PR-Hit Veggie-Day. Herzlich Willkommen bei der Bundestagswahl oder Germany’s Next Top Model Ü60.

Mit 19 in der Abizeitung stellte ich mir vor mal Bundeskanzler zu werden. Da habe ich gedacht, wieviele geile Themen es dort draußen gibt. Mit 21 hätte mich schon nichts mehr in die Politik bekommen. Gut, das hing damals vor allem damit zusammen, dass es mir idiotisch vorkam bei jeder Abstimmung alle Menschen einer Partei der gleichen Meinung zu sehen. Stellt euch mal auf ne Fußballtribüne. Alle wollen das gleiche, jede_r hat aber seinen_ihren eigenen Weg. Nur in der Politik nicht, da wird ja und danke gesagt.

Und nanu plötzlich wundern wir uns über die neuste Studie, welche bescheinigt, wie unbeteiligt und politikverdrossen die jungen Menschen doch sind. No shit. Aber, das will ich ihnen zugestehen, die Politiker haben nicht allein schuld. Ich hab oft schuld, du eher nicht, meine Nachbarin aber ganz sicher. Unser System kennt nur noch like, shitstorm und sterbenslangweilig. Letzteres hat meistens die besten Inhalte und das größte Potenzial, ist in unserer Gesellschaft aber nicht mehr vorgesehen. Bei Aufmerksamkeitsspannen, die von mir bis zur Tastatur reichen, ist kein Platz für das Higgs-Boson oder die mögliche Erkenntnis, dass Lichtphotonen  miteinander kollidieren können und damit eine der 150 Jahre alten Grundlagen unseres physikalischen Weltverständnisses zusammenzubrechen droht. Ach weißte, 150 Jahre, Revolution. Doch ganz geil. Like.

7 Kommentare zu “Vegetarisch für einen Abend? Über die Hysterie der deutschen Politik

  1. Hallo Marc,
    ein wunderbarer Beitrag. Man merkt auch gar nicht, dass du sauer und wütend bist 😉 Hyterisch? Ach quatsch 😉 Und deine langen Sätze liebe ich. Ich finde es einfach authentisch. Schreiben wie man denkt. Ich kann das auch.
    Ansonsten ist deinem Beitrag nichts hinzuzufügen. Du hast alles gesagt und gut auf dem Punkt gebracht. Gerne mehr von deinen Beiträgen 🙂
    Liebe Grüße aus der Fast-Nachbarschaft Hannover,
    Nicole

    • Hallo Nicole,
      vielen Dank für das Lob. Ich mag meine Sätze auch. Sicher wird es den Versuch geben, sie immer mal einfließen zu lassen, aber da sie gelegentlich unlesbar wirken, hält Svenja das bestimmt und zurecht in einer erträglichen Rahmen : )

      Liebe Grüße in die Landeshauptstadt
      Marc

  2. Hallo Marc,
    Zunächst einmal: Vielen Dank für Deinen kurzweiligen Beitrag, wegen dem ich aus Versehen eine Station zu weit gefahren bin. 🙂 Das passiert mir nicht sehr oft.
    Ich habe diese Diskussion um das vegetarische Essen im Bundesumweltministerium, das übrigens auch einen weiteren Sitz in Berlin hat, Nähe Potsdamer Platz, auch mit großem Interesse verfolgt und vielfach den Kopf geschüttelt und mich genauso vielfach über die Antworten desjenigen amüsiert, der dieses Wochenende an Twitter-Account Dienst getan hat. Definitiv nicht nach Vorschrift. Sehr sympathisch.
    Gerade komme ich von einem Vortrag von Michael Kopatz, vom Wuppertal Institut, es ging um das Buch „Ökoroutine“, der zum Teil gravierende Änderungen politisch-strukturellen Rahmenbedingungen fordert, weil wir sonst – seiner und meiner Ansicht nach – das Pariser Klimaabkommen in der Pfeife rauchen können – und da stelle ich mir die Frage, was sich in Deutschland, seinem politischen System und den Köpfen der Politiker und des Wahlvolks verändern müsste, dass das Wirklichkeit werden könnte. Wenn man bedenkt, was passiert, wenn ein Ministerium die Absicht äußert, nur noch vegetarisches Essen servieren zu wollen, möchte ich gar nicht wissen, was passieren würde, wenn Tempo 30 in deutschen Ortschaften eingeführt und die Pendlerpauschale abgeschafft würde. (Nur zwei kleine Beispiele aus dem Buch) Wie groß wäre das Geschrei, wenn Parkplätze umgenutzt und Fahrradwege zeitlich vor den Straßen geräumt würden (anstatt den Schnee der Straße auf den Fahrradweg zu schieben, wie es momentan bevorzugt getan wird)?! (zwei weitere Beispiele aus dem Buch)
    Ich gebe es nur ungern zu, aber an Tagen wie diesem fällt es mir sehr schwer, daran zu glauben, dass die Welt noch zu retten ist.
    MfG silke
    (die auch sehr schöne lange Sätze schreiben kann)

    • (Ja, das kann sie)

      Hey Silke!
      Klingt nach einem schönen Abend mit interessantem Vortrag. Meinetwegen musstest du aber nicht im schlimmsten Regensturm die eine Station zurückgehen oder?
      Das Social-Media-Team des Ministeriums hat sich definitiv sein Lob verdient. Was denen alles um die Ohren fliegt, wegen im Prinzip nichts, ist atemberaubend.

      Es ist ja nicht einmal so, dass sie nur noch vegetarisches Essen servieren wollen. Die Kantine für Mitarbeiter bleibt ja unangetastet und es geht nur um Angebote für Gäste, also meinem Verständnis nach sowas wie internem Catering bei einem kurzen Workshop/Besuch oder sonstwas.
      Mich lässt sowas immer wieder zwiegespalten zurück. Wie du schon sagst, scheint die Zeit so langsam wirklich zu drängen und in dem Fall ist eine solche Anpassung fast nichts wert. Andererseits freut es mich überhaupt, wenn jemand versucht und Bereitschaft zeigt.

      Vielleicht sieht es in zehn Jahren anders aus. Eventuell bringt die aktuelle Lage ja eine im gewohnten politischen System aktive Generation hervor, die von der kurzfristigen Nutzenmaximierung absieht, weil die erwarteten Folgen des Klimawandels einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit umfassen werden? Die schlimme Variante, dass mehrere hundert Millionen einem Krieg zum Opfer fallen und die Menschheit so wieder etwas „Spielraum“ hat, möchte ich mir nicht ausmalen.

      Findest du denn einen einzelnen Punkt, aus dem Vortrag oder deinen Erlebnissen des Tages, die dir doch einen Hoffnungsschimmer geben? Hängen lassen dürfen wir uns ja nunmal auch nicht.
      Viele Grüße
      Marc

      • Ja, der Vortrag war wirklich spannend und unterhaltsam, zum Teil wirklich lustig. 🙂
        Was den Fleischkonsum des Bundesumweltministeriums angeht, habe ich auch gelesen, dass sie das „Fleischverbot“ beim CATERING (!!!) auch gar nicht dogmatisch anwenden möchten, sondern dass bei ausgewählten Veranstaltungen durchaus Fleisch (aus nachhaltiger Produktion) serviert werden wird. Also wirklich ein Sturm im Wasserglas… Als hätte das Ministerium den Genuss verboten oder als würde bei einer Mahlzeit ohne Fleisch und Fisch sofort Mangelernährung einsetzen….
        Zwiegespalten auf alle Fälle, aber den nachwachsenden Generationen möchte ich jetzt auch nicht unbedingt die ganze Verantwortung aufbürden…
        Nö, ich glaube, ich kann sagen, dass ich mich an Tagen wie diesem ganz dem Weltschmerz hingebe und den Hoffnungsschimmer vertage.
        In diesem Sinne wünsche ich eine gute Nacht!
        silke

      • Hi Silke,
        lass mich dir zunächst einen weniger schmerzhaften Tag wünschen.
        Mir wäre und ist es auch unangenehm kommenden Generationen irgendwas zu überlassen. Aber a) irgendwas bleibt immer und b) sprach da wohl etwas der Historiker aus mir, der an so vollkommen allgemeine und willkürliche Aspekte gedacht hat, die das Denken verändern können. Ein charismatischer Mensch, eine neue Politik (ob das jetzt ein bedingungsloses Grundeinkommen oder das Verbot aller fossil betriebenen Fahrzeuge ist), eine Erfindung oder sonstetwas ist. Und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus.

        Ich wünsche dir einen schönen Tag
        Marc

  3. Hallo Marc,

    danke für diesen unterhaltsamen Artikel, ohne den ich übrigens überhaupt nichts von dem Debakel mitbekommen hätte, was mir häufiger passiert und ich auch gar nicht mal so schlimm finde. Man kann es nie allen recht machen. Und das ist auch gut so. Wir sollten uns daher eher überlegen, wie wir die Lebensumstände für alle Menschen besser gestalten können, auch wenn das momentan noch nicht alle so wahrnehmen werden.

    Lieber Gruß,
    Philipp

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