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Können wir die Geschichte unseres Lebens selber schreiben? [Patrick Rothfuss: Der Name des Windes.]

Einige Monate, vielleicht sogar ein Jahr ist es her, dass ich zum letzten Mal zu einem Fantasy-Buch gegriffen habe. Es müsste der zweite Band aus Tad Williams Otherland-Reihe gewesen sein. Dann erschien vor einige Wochen das neue Nightwish-Album und ich habe versucht alles aufzusaugen, was es von Seiten der Band zu hören gab. Seit dem Erscheinen Imaginaerums und dem Live-Album aus Wacken mit der neueren Sängerin Floor Jansen war es mal wieder etwas ruhiger geworden.

In einem Videointerview geht Keyboarder und Haupt-Komponist Tuomas Holopainen auf die einzelnen Lieder ein und erzählt, dass der Song Edema Ruh von einem Buch von Patrick Rothfuss Der Name des Windes inspiriert war, innerhalb dessen die Edema Ruh eine Personengruppe darstellen, die zumeist als fahrende Spielmänner ihren Alltag bestreiten. Ohne zuviel über das Buch zu lesen, habe ich es mir bei unserem nächsten Bibliotheksbesuch in den Rucksack gesteckt. (Anmerkung: Natürlich hat sadfsh das Buch ordnungsgemäß entliehen und nicht einfach mitgenommen…) Es hat ein paar Wochen gedauert ehe ich es wirklich zur Hand genommen habe, aber nun, da ich allein unsere Wohnung hüten muss, während Svenja ein paar Tage Geburtstag und Familie feiert, gab es in meiner Mittagspause nicht anderes zutun, als zu lesen.

Das Buch

Autor: Patrick Rothfuss
Titel: Der Name des Windes
Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 864
Erscheinungsdatum: 2008.
Bezugsmöglichkeiten: Deine Bücherei / Deine Buchhandlung / Buch7*

Protagonist Kvothe ist ein sagenumwobener Held in seiner Welt, doch wir finden ihn als Gastwirt in einer kleinen Ortschaft vor, in der niemand ihn erkennt. Sehr gut getarnt – unter dem Pseudonym Kote – schenkt er Getränke aus, stellt Mahlzeiten bereit und es ist nichts Heldenhaftes an ihm. Dann stürzt jedoch ein Dorfbewohner in die Schenke, der von einem mythischen, gefährlichen Wesen angegriffen wurde. Kvothe wird sich eine Nacht außerhalb des Dorfes aufhalten, einen Fremden beschützen und mehrere der Skrael besiegen. Es ist unser erster Einblick in die Fähigkeiten des unscheinbaren Helden.

Am nächsten Morgen stellt er fest, dass der Gerettete zufällig (?!) der berühmteste Chronist des Landes ist, der auf der Suche nach Kvothe war, um dessen Geschichte zu hören. Der Name des Windes ist der erste Teil einer mehrbändigen Serie und Kvothe erzählt die Geschichte seiner Kindheit bis etwa zu seinem 15. Lebensjahr. Es ist eine Geschichte über Musik, Armut, Zielstrebigkeit, einen unbändigen Willen und die beginnende Faszination für eine Frau.

Über die Geschichte selbst möchte ich gar nicht sonderlich viel verraten. Einige der Charaktere, die in der Kindheit neben Kvothe standen, bleiben etwas blass, doch es ist seine Geschichte und daher finde ich Rothfuss Darstellung vollkommen legitim. Sprachlich trifft der Autor meines Erachtens einen sehr guten Ton, um einerseits die Gefühle des Jungen, über den erzählt wird, andererseits aber auch die Gefühle des reflektierenden Mannes, der er geworden ist, einzufangen.

Wer Fantasy mag und den Gedanken über Magie nicht abgeneigt ist, findet hier eine wirklich interessante Geschichte vor. Rothfuss springt nicht von einem Höhepunkt zum nächsten und überspielt die Tiefen, sondern gibt jedem Teil von Kvothes Leben, insbesondere auch der Bedeutung der Musik für ihn, ausreichend Zeit um zu wachsen. So endet das Buch ohne spektakuläre Schlachten, wie wir sie etwa aus dem Herrn der Ringe kennen und doch hat man das Gefühl etwas Aufregendes miterlebt zu haben. Dass Kvothe für sein Alter psychisch mehr als reif ist, macht es dem Leser deutlich einfacher sich mit diesem zu identifizieren. Aus dem jungen Alter des Protagonisten auf ein reines Jugendbuch zu schließen, wäre meines Erachtens nach stark verfehlt.

Wie mich das Buch ins Grübeln gebracht hat.

„Versteht Ihr, es gibt einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Schein und Sein. […] Wir wissen, wie gefährlich eine Maske werden kann. Wir alle werden letztlich das, was wir vortäuschen zu sein. […] Jeder erzählt in seinem eigenen Kopf eine Geschichte über sich. Ununterbrochen. Die ganze Zeit. Und diese Geschichte macht einen zu dem, der man ist. Wir gründen unser ganzes Leben auf dieser Geschichte.“
– Patrick Rothfuss: Der Name des Windes, Stuttgart 2008, S. 852f.

Da saß ich nun nach der Lektüre eines Fantasybuchs und fragte mich, welche Geschichte ich eigentlich erzähle. Und noch viel wichtiger: Ich fragte mich, welche Geschichte ich eigentlich erzählen will. Aber auch: Will ich vielleicht gar keine Geschichte erzählen aus Angst ihr nicht gerecht zu werden? Versuche ich die Geschichte einer Maske zu erzählen, aus Furcht, dass das „Original“ scheitern und enttäuschen könnte? Nachdem der erste Shock – ich hatte nicht sofort eine Antwort parat – überwunden war, habe ich versucht mit ruhigem Kopf die ganze Sache nochmal durchzudenken. Vermutlich ungewollt wurde ich von KaroKafka inspiriert, die nicht nur ihre eigene Geschichte erzählt, sondern auch direkt eine Anleitung beilegt, wie man eine ähnliche Erfolgsgeschichte schreiben kann.

Wie genau meine Geschichte letztendlich aussehen wird, weiß ich dennoch noch nicht. Da Svenja keine langen Haare an mir mag, könnte ich Karos Geschichte schon nur mittelprächtig kopieren. Aber es soll ja mein ganzes Herz drinstecken. Vielleicht habe ich einmal Kinder, die mich für einen Superhelden halten, vielleicht laufe ich mal einen Marathon und halte mich selber für einen solchen. Was auch immer meine Geschichte werden wird, ich hoffe, dass ich sie ganz im Flow selbst schreiben werde und mich nicht beim ersten Anflug gesellschaftlichen Drucks hinter einer Maske verstecke(n muss).

Können wir unsere Geschichte selber schreiben?

Gerahmtes_Dresden
Der Skeptiker in mir wirft aus dem Hintergrund noch eine weitere Frage ein. Können wir unsere Geschichte überhaupt selber schreiben oder erkennen? Ich möchte nicht vom Schicksal reden, denn das Konzept ist mir fremd, aber im menschlichen Körper, sozialen Gruppen, etc. gibt es so unheimlich viele Variablen, dass es für einen einzigen kaum möglich ist, sein Leben Jahre und Jahrzehnte im Voraus zu planen. In manchen Geschichten tauchen wir auf, sind jedoch Statisten oder Nebendarsteller.

Aber: Das ist überhaupt nicht schlimm, sondern macht unsere ganze Zeit erlebenswert, aufregend und spannend.

Wir müssen diesen Schein nicht sofort verinnerlichen und alles über uns ergehen lassen. Ja, manchmal wird unsere Geschichte ohne unsere Zustimmung eine unerwartete Wendung nehmen. Ein anderes Mal werden wir eine Seite schreiben und sie wieder herausreißen wollen. Ob es sich gut oder schlecht anfühlt, es gehört dazu und am Ende haben trotzdem wir den Stift in der Hand und können Akzente setzen.

Was denkst du? Kannst du deine eigene Geschichte schreiben oder passiert sie einfach mehr oder weniger zufällig, sodass wir erst später sehen, wie die einzelnen Kapitel sich letztendlich zusammengefügt haben?

 


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5 Kommentare zu “Können wir die Geschichte unseres Lebens selber schreiben? [Patrick Rothfuss: Der Name des Windes.]

  1. Hallo sadfsh,

    es ist eine Mischung aus beidem und dem spricht ja auch gar nichts entgegen: Wir werden beispielsweise in eine beliebige Familie hinein geboren – beeinflussen können wir das nicht. Aber wir können das beste aus dem machen, was wir dort vorfinden.

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp,

      ich kann mich nicht ganz mit der beliebigen Familie anfreunden, denn so wie wir genetisch aufgebaut sind, kann es ja für jeden doch nur die eine Familie sein zu der wir gehören, aber was das größere Bild von uns angeht, die wir in eine Welt geboren werden, stimme ich dir natürlich zu. Manchmal vermute ich allerdings, dass nicht ich das beste aus dem gemacht habe, was ich vorgefunden habe, sondern, dass meine Eltern das beste aus dem gemacht haben, der nicht vorgefunden werden wollte : )

      Lieben Gruß,
      sad<><

      • sadfsheltern

        Wennwir – deine Eltern – das beste aus dir gemacht hätten, dann würdest du heute in einer metal-band ( im Idealfall rammstein ) Schlagzeug spielen und Dachrinnen löten können.
        Nein, im Rückblick auf mehr als 5 Lebensjahrzehnte denke ich, dass Menschen, die uns begegnen und Lebenssituationen, die wir nicht direkt herbei geführt haben, den Lauf unseres Lebens stark mit beeinflussen. Aber das Thema ist so unglaublich komplex, das passt nicht in einen Kommentar.

  2. Sehr interessanter Artikel! Danke fürs Erwähnen. 🙂

    Ein guter Gedankenanstoß, aber auch eine harte Kopfnuss.
    Welche Geschichte erzähle ich, welche will ich erzählen…? Auch bei meinem, eher humoristisch gemeinten, Beitrag musste ich das natürlich abwägen. Was verrate ich über mich, was nicht, in welchem Licht will ich gesehen werden. Alles über mich darin unterzubringen, damit sich jeder ein eigenes Bild machen kann, würde einfach den Rahmen sprengen.

    Ich denke schon, dass man bis zu einem bestimmten Grad seine Geschichte selbst schreiben kann. Ob ich mich für einen Job bewerbe, mich einer bestimmten Person vorstelle, zu einer Veranstaltung gehe – das alles sind Entscheidungen, die man erstmal selbst treffen muss. Das kann dann aber so viel ins Rollen bringen, was man vorher nicht bedacht oder erwartet hat und das man nicht kontrollieren kann. Wir sind nun mal nicht isolierte, von der Außenwelt abgeschottete Einheiten, deshalb wird das Umfeld und die Umwelt immer einen bestimmten Einfluss haben. Soweit mein Senf. Über den Rest muss ich mir erstmal Gedanken machen. 😉

    Das Buch landete übrigens jetzt auf meiner Merkliste. Magie ist momentan nämlich auch so ein Thema, das mich beschäftigt, deshalb klingt das durchaus ansprechend.

  3. Pingback: Unsere Netzhighlights – Woche 23/2015 | Apfelmädchen & sadfsh

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