Was bedeutet "brauchen" für dich, sadfsh? - Vier Wochen #Konsumauszeit | Apfelmädchen & sadfsh
Minimalismus Nachhaltigkeit

Was bedeutet „brauchen“ für dich, sadfsh? – Vier Wochen #Konsumauszeit

In großen Schritten nähern wir uns dem Ende der Konsumauszeit und da das Thema viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, möchten wir auch heute nochmal darüber sprechen, was brauchen eigentlich für uns bedeutet.

sadfsh: Ich bin einen Joker los, ich bin einen Joker los! Also nach meinem faux-pas direkt zu Beginn der Konsumauszeit eigentlich schon den Zweiten. In unserem allersten Blogmonat (zu Veganismus) oder auch den Minimalismus-Challenges hätte ich mich dafür gehasst einen Tag lang nichts auszusortieren oder ausnahmsweise ein nicht veganes Produkt zu essen, aber nachdem ich im letzten Monat einen Konzertbesuch geschenkt bekommen habe, konnte ich nicht anders als uns ein Getränk und mir ein Tourshirt zu erwerben.

Was bedeutet Brauchen für dich, sadfsh?

Apfelmädchen: Du konntest also nicht anders… würdest du also sagen, dass du das T-Shirt gebraucht hast, um die Unterhaltung von letzter Woche nochmal aufzugreifen?

sadfsh: Nein, in diesem Moment brauchte ich es sicherlich nicht. Eines Tages werden wieder ein paar Shirts kaputt sein und dann muss ich noch kein neues erwerben, weil ich noch eines zusätzlich besitze. Zumindest kann ich allen meinen bisherigen Audruck-Shirts bescheinigen, dass sie deutlich länger halten, als die einfachen schwarzen, welche sich aus unerklärlichen Gründen immer recht schnell zertragen. Also nein. Ein (unnötiger) Präventivkauf, wenn du so möchtest. Oder: definitiv nichts, was ich tatsächlich brauche.

Apfelmädchen: Irgendwie kann man sich mit dieser Argumentation ja fast alle Käufe zurecht reden, nicht wahr?! Ach, diesen Sparschäler brauche ich, falls der alte kaputt geht. Und diese Winterjacke, denn die alte könnte nächsten Winter Löcher haben. Oh! Und natürlich noch dieses Regal, Auto und Haus – man weiß ja nie… Scherz beiseite. Dass du dir als Erinnerung beim Konzert ein T-Shirt kaufen wolltest, hast du ja gleich zu Anfang der Challenge gesagt. Was würde denn für dich unter brauchen fallen?

sadfsh: Ich würde sagen, Dinge, ohne die ich einen deutlichen negativen Nachteil im Alltag habe, sind Dinge, die ich brauche.

Apfelmädchen: Kannst du das noch ein wenig genauer beschreiben? Auf den ersten Blick umfasst deine Definition nämlich einiges, was ich vielleicht nicht mit einschließen würde.

sadfsh: Ganz klar: Essen und Trinken. In unserer Gesellschaft kann das aber auch ein funktionierender PC oder umfassender Zugang zu einem solchen sein. 95% der Bewerbungen, die ich derzeit verschicke, sind auf den elektronischen Weg beschränkt. Geht ein Teil meines PCs kaputt, ohne welches der Betrieb nicht mehr möglich ist, würde ich schon sagen, dass ich es brauche. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass dies eine ziemliche Anmaßung gegenüber vielen Menschen an anderen Orten der Welt ist, die nicht einmal fließendes Wasser ihr Eigen nennen können. Wie aber in den Kommentaren so schön erwähnt wurde: Wir haben in unserer industrialisierten Konsumgesellschaft die Möglichkeit weit mehr zu besitzen, als wir benötigen. Wenn es aber eine Differenz gibt zwischen dem, was wir haben und dem, was wir brauchen, sollten wir die entsprechenden Ressourcen konstruktiv nutzen, um die Welt ein wenig besser zu machen.

Ist mit Brauchen eine Erwartungshaltung verbunden?

Apfelmädchen: Interessanter Gedanke! Mir ist diese Woche aufgefallen, dass der hoher Lebensstandard in unserer Gesellschaft bei vielen zu einer Veränderung von Brauchen führt – nämlich zu einer Art Erwartungshaltung, dass sich der eigene sozio-ökonomische Status nicht verschlechtern darf. Und das geschieht ganz unabhängig davon, dass wir (oder zumindest sehr viele von uns) mehr haben, als sie für ein erfülltes und gutes Leben brauchen. Freiwilliger Verzicht stößt in den Köpfen der uns umgebenden Menschen auf Unverständnis. Warum sollte ich etwas nicht kaufen, obwohl ich es will („brauche“) und ich es mir leisten kann? Ein ganzes Buch über das Phänomen StatusAngst hat der Philosoph Alain de Botton veröffentlicht, der im Book of Life dazu schreibt:

It is the result of hundreds of thousands of people who feel pressured by the fear of the coldness of others to add an extraordinary amount to their bare selves in order to signal that they too may lay a claim to love.

freie Übersetzung:
„Dies (Existenz von Luxusgütern) ist das Ergebnis von Hunderttausenden Menschen, die sich aus Angst vor der Kälte ihrer Mitmenschen gedrängt fühlen, ihr blankes Selbst durch etwas Besonderes aufzuwerten, um zu zeigen, dass auch sie Anspruch auf Liebe haben.“

– The Book of Life, On Consumption and Status Anxiety

Unser Fazit für die vierte Woche:

(Ja. Wir sind immer eine Woche voraus – wir geben sozusagen den Startschuss für die nächsten sieben Tage.) In der vierten Woche haben wir insgesamt 73€ ausgegeben – 33€ für Lebensmittel am gestrigen Montag und 40€ für unseren Abend bei Nightwish in Hamburg (T-Shirt & Getränke).

Wie ist deine vierte Woche gelaufen? Was denkst du über Statusangst?

P.S.: Wir verabschieden uns von der Google-Liste! Alle Beiträge, Infos und Teilnehmer_innen findest du ab sofort auf dieser Seite: www.apfelmaedchen.de/konsumauszeit2015

8 Kommentare zu “Was bedeutet „brauchen“ für dich, sadfsh? – Vier Wochen #Konsumauszeit

  1. Hallo ihr beiden!

    Wie schön, ein Zitat von Alain de Botton zu lesen. Ich habe ihn neulich in einem Podcast mit Tim Ferris sprechen gehört – sowohl geistig als auch auditiv sehr ansprechend!

    Was ich wirklich brauche, zeigt sich vor allem, wenn ich mir anschaue, was ich wie oft nutze. Und selbst dabei fallen noch einige Dinge durch’s Raster, bei welchen es auch ohne gehen würde – wie ihr schon schreibt – mit erheblichem Nachteil oder unter Einbuße von Komfort. Spannend wird das besonders dann, wenn sich die Frage von selbst erübrigt, weil die entsprechenden Ressourcen nicht mehr zur Verfügung stehen.

    Liebe Grüße,
    Philipp

  2. Ich habe festgestellt, dass sich die Definition von „Brauchen“ auch durch das zur Verfügung stehende Geld verändern kann. Jemand, der viel Geld im Monat für sich ausgeben kann, hat eine ganz andere Vorstellung von „Das brauche ich wirklich.“ als jemand, der das nicht hat. Das macht sich vor allem dann bemerktbar, wenn diese Person sich plötzlich finanziell einschränken muss. Wir gewöhnen uns sehr schnell an einen gewissen Standard.

    • Ich stimme Raine da zu. Die Definition von Brauchen ist oft sehr abhängig von den eigenen Möglichkeiten. Damit nehme ich mich nicht aus.
      Und manchmal ist es auch schön: Ich brauchte neue Winterschuhe – definitiv. Die alten passten nicht mehr. So jetzt gibt es eine riesige Auswahl. Die, die ich mir gekauft habe, die brauchte ich nicht spezifisch, aber sie machen mich glücklich. Auch als Minimalistin kann Konsum auch mal Spaß machen. Die Schuhe gefallen mir vom Stil, aber ich freue mich auch darüber, dass ich langlebige und fast unkaputtbare Schuhe habe. Zumindest habe ich früher ein paar von der gleichen Marke sieben Jahre getragen und es aussortiert, obwohl es noch bestimmt ein paar Jahre gehalten hätte. Eins der wenigen Male, die ich mir geärgert habe. Allerdings war das auch gewissen Umständen geschadet.

      Bei der Auszeit mache ich ja nicht mit, weil ich von vorneherein zu viele Joker benötigt hätte und das passt mit dem Wort Auszeit dann nicht zusammen. Ich habe aber immer wieder über mein Konsumverhalten nachgedacht und festgestellt, dass viele frühere Automatismen in den letzten Jahren nicht mehr da sind. Einzig bei Süßigkeiten habe ich noch so gar kein erfreulichen Umgang mit gefunden. Das ist aber mein Ziel für das restliche und das kommende Jahr.

      Manchmal hat Konsum eben auch sehr viel mit der Umgebung und den Möglichkeiten zu tun. In der letzten Zeit habe ich vieles online bestellt, weil ich einfach nicht mobil genug gewesen bin, um in entsprechende Geschäfte zu kommen. Nach Hause liefern lassen oder den täglichen Spaziergang an der Post vorbei zu wählen, war da jetzt einfacher. Langfristig werde ich das anders handhaben. Ihr lebt ja auch in einer neuen Umgebung und alte, geliebte Routinen (Stadtbibliothek) sind auf einmal so nicht mehr möglich. Das würde mir auch sehr schwer fallen. Was habe ich mich gefreut, als ich es das erste Mal mit Kind und Kinderwagen in die Bibliothek geschafft habe. Das war ein bisschen so ein Zurückerobern der Normalität und des alten Lebens. Gut, dass ich es gemacht habe. Jetzt weiß ich, dass ich morgens dort im Kinderbereich z.B. ganz in Ruhe stillen kann. Da war es völlig leer. Also, werde ich diese Routine wieder aufnehmen. Auch ich habe nämlich in letzter Zeit wieder einige Bücher gekauft gehabt und bin froh, dass das jetzt wieder vorbei ist.

      Und ich frage mich auch noch: Was heißt konsumieren überhaupt? Und eben auf welche Arten kann ich konsumieren? Im Rahmen der Ernährung versuche ich jetzt zum Beispiel nicht gedankenlos zu konsumieren, d.h. zu essen oder zu trinken. Sondern meine Lieblingscola trinke ich jetzt ganz in Ruhe und versuche jeden Schluck zu schmecken. Früher habe ich sie auch runterstürzt, dann ist sie aber leer und eigentlich hab ich nicht viel geschmeckt.

  3. Hab diese Woche zwei Gedanken zu eurem Text:

    1. Trage keine Aufdrucke. Kenne die Band nicht. Also braucht man die nicht. 🙂

    2. Was soll das bringen? Verzichten auf einen Kaffee oder ein Band-T-Shirt wenn man gar nicht weiß, ob man nächste Woche noch lebt oder eine schlimme ärztliche Diagnose kriegt? Oder überfahren wird?
    Mit Lebensfreude geizen? Ich weiß nicht. Nach 2 Monaten unfreiwilliger Konsumauszeit. Jetzt bin ich wieder reich. Manchmal muss man erst mal Geld eintreiben.

    Liebe Grüße – Tanja

  4. Oh ja, das regt zum nachdenken an.
    In den reichen INdustrieländern meinen wir ja immer Dinge zu brauchen. Im Endeffekt türmen sich Tupperware Klamotten und sonstiger Schnickschnack in unseren Schränken.

    Als wir vor einem Monat umgezogen sind, habe ich auch einiges verkauft und verschenkt. Und da sieht man erstmal was man alles so besitzt, wovon man irrtümlicherweise denkt man bräuchte es.
    Vieleicht ist es aber auch nicht immer brauchen, sondern vielmehr habenwoillen, weil man irgendetwas kompensieren muss. zB zu viel Stress auf der Arbeit.

    Einen wunderbaren Tag euch zweien.

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