Das halbvolle Glas sehen oder ein Plädoyer für Kompromisse | Apfelmädchen & sadfsh
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Das halbvolle Glas sehen oder ein Plädoyer für Kompromisse

Welchen Grund hat es, wenn wir mit einem Moment, einem Tag oder anderen Episoden unseres Lebens unzufrieden sind?

Egal, was wir machen, immer haben wir bestimmte Vorstellungen vom Ziel bzw. Ansprüche an das Ergebnis unseres Handelns. Erfüllen sich unsere Gedanken nicht, sind wir entweder außerordentlich positiv überrascht oder es kommt die eben angedeutete Unzufriedenheit ins Spiel. Wenn du schon einmal viel Zeit und Energie in eine Sache gesteckt hast, dann weißt du bestimmt, was ich ich meine. Wir machen uns Gedanken über ein besonderes Geschenk und die Empfängerin nickt nur bescheiden mit dem Kopf. Wir schreiben uns eine Einkaufsliste und sind dann enttäuscht, wenn es Produkt X, Y oder Z heute nicht mehr gibt.

Persönlich habe ich in der Vergangenheit häufig mit diesen Momenten gehadert, aber dank des Minimalismus habe ich gelernt, diese Situationen nicht mehr allzu negativ zu sehen.

Meistens zumindest : )

Das Geheimnis ist eigentlich ganz einfach, aber wenn ich es dir sage, wirst du vielleicht denken, dass da ein Widerspruch besteht: Es geht um Kompromisse.

Minimalismus & Kompromisse sind (k)ein Widerspruch.

Nun ist der Minimalismus eigentlich das genaue Gegenteil vom Kompromiss. Immerzu schreiben, sagen und unterstreichen wir: Halte nicht an Dingen fest, von denen du dir nur erhoffst, dass sie eines Tages nochmal nützlich sein könnten. Wie oft heißt es Abschied von Geschenken zu nehmen, die du nur als Kompromiss behältst, um deine Freundschaft mit jemandem nicht zu beeinflussen, der ohnehin nur 3-4 im Jahr bei dir ist und sieht, ob du ein Präsent noch in deiner Wohnung ausstellst? Lass dieses oder jenes gehen, wenn es dein Leben nicht positiv beeinflusst – die meisten Minimalist_innen kennen diese Gedanken. Und ist das nicht auch der Eindruck, den die Mehrheit der Außenstehenden vom reduzierten Leben haben? Dass er einen radikalen Einschnitt bedeutet, der die Trennung von einem Großteil der Vergangenheit kennzeichnet?

Extreme sind nicht alles.

Und ja, so ist es ja auch. Ich würde diese Sätze so unterschreiben.

Es geht schließlich um unser Lebensglück. Da lohnt es nicht Kompromisse zu machen, wenn wir es vermeiden können.

Andererseits gibt es ebenso Lebensbereiche, in denen wir nicht alleine zur Entscheidung fähig sind. Bin ich mit der Gemütlichkeit meiner Wohnung unzufrieden, lässt sich das ändern und kaum jemand kann mir da reinreden. Wie aber schaut das ganze z.B. auf der Arbeit aus, bei zeitgebundenen Projekten? Arbeitest du einen wichtigen Aspekt zumindest in Ansätzen ein oder perfektionierst du das bereits Vorhandene und verzichtest auf Halbfertiges? Entscheiden wir uns für eine radikale Politik mit ungewissem Ausgang oder akzeptieren wir die Fehler einer Institution, die viel Stabilität spendet?

Minimalismus, das ist für mich schon seit langem kein Konzept mehr, welches nur auf der Besitzebene funktioniert. Minimalismus ist im Kopf, im Denken – häufig merk ich es nicht, aber es ist da. Und es hilft mir Kompromisse zu akzeptieren. Denn Minimalismus bedeutet nicht nur sich von dem zu trennen, was uns belastet. Es bedeutet eben auch wertschätzen zu lernen, was wir haben und was uns glücklich macht. Wir und damit meine ich an dieser Stelle vor allem mich, denn mein Name – sadfsh – verrät schon, dass ich Fröhlichkeits-Defizite aufweise, neigen dazu uns auf das Schlechte im Leben zu konzentrieren. Die offensichtlichste Möglichkeit glücklich zu werden besteht dann darin, den Grund für das Unglück zu beseitigen.

Sieh das halbvolle Glas.

Prinzipiell ist es natürlich richtig, dass wir (hart) daran arbeiten, unser Leben so zu gestalten, dass wir zufrieden sind. Indem wir aber das Unglück in den Mittelpunkt unseres Seins stellen, versperren wir den Blick auf das eigentliche Ziel. Wir haben eine Straße vor uns und entscheiden zu Fuß querfeldein nach dem Ziel zu suchen. Dabei müssen wir nicht jedes Hindernis besiegen, um uns mit seiner Existenz zu arrangieren.

Minimalismus kann eben auch bedeuten, dass wir den kleinen Hindernisse nicht erlauben, uns abzuhalten. Statt 100% in jeder Situation zu geben, gehen wir Kompromisse ein.

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4 Kommentare zu “Das halbvolle Glas sehen oder ein Plädoyer für Kompromisse

  1. Hallo Marc,

    ich frage mich in regelmäßigen Abständen wieder, ob ich mehr Konsens oder Kompromisse in mein Leben lasse. Denn auch bei einem Konsens kann ich von meinen 100% abweichen und gleichzeitig zufrieden sein, wenn ich mich dadurch nicht im Nachteil fühle.

    Lieber Gruß,
    Philipp

    • Hallo Philipp,

      über den Konsens habe ich als weiteren Begriff innerhalb dieses Schemas noch gar nicht nachgedacht. Danke für den Anstoß. Wenn du dich regelmäßig damit auseinandersetzt, hast du vielleicht für diejenigen von uns, die erst langsam in diese Richtung wachsen ein paar Hinweise, welche Gedanken du fasst und welche Perspektiven du einnimmst?

      Liebe Grüße
      Marc (sadfsh)

  2. Sehr guter Beitrag, der mich gerade sehr zum Nachdenken anregt. Ich gehöre definitiv auch zu den Menschen, die dazu neigen, sich auf das Schlechte im Leben zu konzentrieren. Ich werde deinen Beitrag mal als Anlass nehmen, und versuchen, mich bewusst über die schönen Dinge im Leben zu erfreuen, über die Dinge, die ich/wir habe(n) – und damit meine ich nun nicht die materiellen Sachen…
    DANKE!
    Nicole

    • Hallo Nicole,

      schön, dass du ein wenig Inspiration finden konntest. Der Weg positiver zu werden, kann auch schonmal schwer sein. Ohne Svenja würde ich vermutlich irgendwo auf dem ersten Kilometer chillen und mein Schicksal so hinnehmen, aber ihre Einstellung hat echt Wunder gewirkt. Ich wünsche dir, dass du dich immer wieder auf die guten Erlebnisse, Gegebenheiten und Dinge konzentrieren kannst.

      Marc (sadfsh)

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