Was sich durch die Konsumauszeit verändert hat | Apfelmädchen & sadfsh
Minimalismus Nachhaltigkeit

Was sich für mich durch die #Konsumauszeit verändert hat

Habt ihr die wöchentlichen Updates vermisst? Nach dem ersten Wochenzwischenstand ist es hier auf Tumblr ja eher still gewesen, was nicht bedeutet, dass wir die #Konsumauszeit abgebrochen hätten. Nicht nur, dass wir tatsächlich vier Wochen nichts außer Lebensmittel gekauft haben, sondern es ist uns sogar leicht gefallen. Vielmehr haben wir haben das Kaufen im Alltag gar nicht vermisst, was sicherlich daran liegt, dass wir das Konsumieren schon vor einigen Monaten mehr oder weniger eingestellt haben. Für uns war die Konsumauszeit daher nur ein weiterer, sehr konsequenter Monat. Im heutigen Post möchte ich ein paar Gedanken zusammenfassen, die mir während der #Konsumauszeit immer wieder präsent im Kopf herumgespukt sind.

Wir leben in einer Zeit des Überflusskonsums.

So richtig bewusst geworden ist mir unser Überfluss diesen Monat an mehreren Stellen: Als ich mit Freunden über den Weihnachtsmarkt geschlendert bin. Als ich einfach so Waffeln gegessen habe (Waffeln sind seit meiner Kindheit irgendwie besonders für mich). Als ich im Zug Gespräche mitangehört habe und jemand sagt, er könnte ja auf Coffee to go niemals verzichten. Auf Facebook hatte ich am Sonntag dazu folgende Zeilen geschrieben, die ich hier nochmal zitiere:

Bäm, das hat mich nochmal richtig zum Nachdenken gebracht. Klar, ich lebe schon lange nachhaltig und minimalistisch, aber in diesem Jahr ist mir erst richtig bewusst geworden, wie viel sich in unserer Gesellschaft konsumieren lässt, was weit über lebensnotwendig hinausgeht. Ich meine damit solche Sachen wie Coffee to go, FastFood, schicke Sportbekleidung usw. – Sachen, die für eine Mehrheit der Mitmenschen vollkommen normal sind und auf die niemand verzichten möchte.

Überhaupt ist Verzicht ein ganz böses Wort in den Köpfen der Menschen. Da wird sofort Armut und jede Menge anderes assoziiert. Ich würde behaupten, dass das für sehr viele Familien noch vor einigen Jahrzehnten ganz anders war (und außerhalb meiner Filterblasen auch heute noch ist). Verzichten ist manchmal einfach, aber manchmal tut es auch weh. In jedem Fall ist es ein Zustand über den wir, wenn man sich Klimawandel etc. anschaut, in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr reden werden müssen. Und mit dem wir uns anfreunden müssen.

Passend dazu lese ich gerade das Buch “Wir müssen leider draußen bleiben” von Kathrin Hartmann, das sich mit der Konsumgesellschaft und Armut beschäftigt. Ein Thema, das ja in der Minimalismus und Nachhaltigkeitsdiskussion eher selten eine Rolle spielt. Die ersten 100 Seiten haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Das Buch quillt quasi schon vor Markierzettelchen über, weil ich so viele Stellen für spätere Artikel verwenden möchte. Als Anreiz, das Buch selber zu lesen, hier ein kurzes Zitat:

“Das Überangebot an Waren ist konstituierend für die Konsumgesellschaft, in der Wahlfreiheit des Kunden wie ein Menschenrecht gehandelt wird (Stichwort “mündiger Konsum”). Dass es aber tatsächlich ein formulierter Kundenwunsch sein könnte, zwischen 100 verschiedenen Sorten Joghurt zu wählen: schwer vorstellbar.” (Quelle: Hartmann, Kathrin, Wir müssen leider draußen bleiben, S. 61)

Etwas später auf der selben Seite heißt es dann über Supermärkte:

“Sie müssen satte Menschen wieder hungrig machen, sprich: neue Bedürfnisse wecken.”(Quelle: Hartmann, Kathrin, Wir müssen leider draußen bleiben, S. 61)

Klar für uns eingefleischte Minimalist_innen ist das irgendwie alter Tobak, aber trotzdem hat mich diese Einsicht dieses Mal besonders getroffen. Über das gesamte Buch wird nach der Wiedereröffnung von Apfelmädchen & sadfsh sicherlich eine Rezension erscheinen.

Wissen und Fortbildungen – ist das Konsum?

1,50€ – soviel Geld ist monatlich für Fortbildung und Wissen im Hartz IV-Satz eingeplant. Als ich diese Zahl gelesen habe, ist mir die Kinnlade heruntergefallen. Menschen aus der Gesellschaft ausschließen und ihnen den Zugang zu Weiterbildung erschweren, scheint ja politisch irgendwie gewollt zu sein, wenn man solche Zahlen liest.

Ich selber als Studentin verbringe natürlich einen Großteil meiner Zeit mit Wissen, Ausbildung und Lernen. Im November kam für mich dennoch die Frage auf, wie Konsum und Fortbildung/Lernen eigentlich zueinanderstehen. Neben dem Studium gebe ich ehrlicherweise sehr selten Geld für Wissen aus. Offline- und Onlinekurse sind meistens schlichtweg zu teuer für mich bzw. brauche ich das Geld an anderen Stellen dringender. Eine Einstellung, über die ich mich manchmal ärgere, denn neue Dinge zu lernen sollte nicht vom Einkommen abhängen.

Kleiner Auszug aus einem FB-Update von Tag 20, indem ich die Frage nach Fortbildungen an euch weitergereicht habe:

“Mittlerweile sind wir schon 20 Tage dabei und heute habe ich tatsächlich das erste Mal das Bedürfnis gespürt etwas zu kaufen: eine Onlinekurs zum Thema „creative habits“, der ab Montag starten würde. Gerade in solche Fortbildungen investiere ich sehr selten Geld, weil ich immer denke, dass ich die Informationen auch mit ein wenig Recherche selber finden kann. Bisher bin ich unentschlossen, ob ich hier eine Ausnahme machen möchte. Wie handhabt ihr solche Ausgaben? Und: Wie läuft es bei euch?“

Die Antworten dazu sind sowohl auf Facebook, als auch Twitter sehr eindeutig ausgefallen: Machen! Bloß nicht an solchen Stellen sparen. Schlussendlich habe ich mich für den Onlinekurs angemeldet und es nicht bereut. Ob ich damit die Konsumauszeit gebrochen habe, weiß ich nicht. In jedem Falle hat mich der Kurs einen entscheidenen Schritt in Sachen Buchprojekt weitergebracht und ich schätze den Austausch mit den anderen Teilnehmer_innen.

Wir alle haben materielle Wünsche.

Diese Beobachtung bringt mich dann zum nächsten Gedanken: Wir alle haben materielle Wünsche. Manche können wir uns erfüllen, weil wir sie tatsächlich brauchen oder aber sie uns weiterbringen. Andere sind reine “Lust”wünsche und wieder andere sind solche Wünsche, die uns eine lange Zeit begleiten, die wir uns aber trotzdem nicht erfüllen können. Wünsche zu haben ist nicht schlecht. Sie können uns zeigen, was uns wichtig ist und uns anspornen. Ich wünsche mir z.B. schon seit zwei (drei?) Jahren ein Tablet, aber ich brauche es nicht und kann es mir nicht leisten. Also akzeptiere ich diesen Wunsch und lebe weiter. Aus meiner Sicht jedoch fragwürdig ist, mit welchem Nachdruck unsere Gesellschaft uns vorlebt, dass wir uns – quasi ständig – belohnen müssen.

Die alte Frage nach dem “Brauchen”.

Und abschließend beschäftigt mich auch in diesem Jahr wieder die Frage nach dem Brauchen, nach Bedürfnissen und wie sie entstehen. Beim Stöbern in den Beiträgen der vorherigen Konsumauszeit war ich erstaunt, wie sehr mich das Thema schon beim letzten Mal zum Nachdenken gebracht hat. Die aktuellen Gedanken sprengen sicherlich den Rahmen des Beitrags, daher sammel und strukturiere ich lieber für eine spätere Darstellung. Hierzu nur ein kurzes Zitat aus einem alten Text:

“Ist Brauchen alljenes, das unserem Überleben dient und alles darüber hinaus ist „nice to have“ (schön zu haben)? Oder ist Brauchen ein Standard, der die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe sicherstellt, also z.B. auch ein Besuch im Kino, ein funktionierender Computer mit Internetzugang etc? Und ist Brauchen folglich durch die jeweilige Bezugsgruppe oder -gesellschaft definiert?“

Zum Abschluß bleibt mir daher nur zu sagen, dass die Konsumauszeit für mich jedes Jahr eine Zeit der intensiven Beschäftigung mit Konsum und unserer Gesellschaft ist. Obwohl ich schon so lange nachhaltig und minimalistisch lebe, tut es gut, sich einmal im Jahr ganz fokussiert mit den eigenen Gedanken und Einstellungen zu beschäftigen. Konsumverzicht leben – das ist für mich mittlerweile einfach Alltag.

P.S.: Eure Stimmen und Gedanken zur Konsumauszeit fasse ich demnächst in einem gesonderten Beitrag zusammen. Bis dahin könnt ihr eure Texte noch hier einreichen: #Konsumauszeit 2016.

Heißt zwar Apfelmädchen, mag aber eigentlich lieber Erdbeeren als Äpfel. Lebt minimalistisch, nachhaltig und vegan. Studiert Psychologie. Liest leidenschaftlich gerne Bücher & Comics. Interessiert sich für die Zukunft (Science Fiction, Dystopien, Postwachstumsökonomie), aktuelle Politik und Feminismus. Organisiert von Zeit zu Zeit Events wie die Konsumauszeit oder die Minimal Kon. Verbringt zu viel Zeit auf Twitter.

3 Kommentare zu “Was sich für mich durch die #Konsumauszeit verändert hat

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Im Übrigen ein ganz wunderbarer Blog zu all den wichtigen Themen unserer Zeit. Vielen Dank dafür!

    Liebe Grüße, Sternchen (alttrifftneu.de)

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