4 Gründe, warum wir weniger hysterisch sein sollten | Apfelmädchen & sadfsh
Gedanken über das Leben

4 Gründe, warum wir weniger hysterisch sein sollten

Die vergangenen Tage haben meine folgenden Gedanken zu Hysterie Lügen gestraft – etwas zumindest. Viele Menschen haben in und nach Berlin äußerst besonnen reagiert. Hysterisch waren vor allem große Medienanbieter, die sich dadurch vermutlich Quote erhofften, es aber als Journalismus verkauften, der ganz nah dran war. Ein Beispiel für beide Seiten. Dennoch glaube ich, dass meine Gedanken weiterhin etwas Wahrheit beinhalten.

Unser Leben kennt kaum noch Null- oder Ruhepunkte. Wir wachen auf, werden aber nicht langsam wach, sondern stürzen direkt in das tiefste Loch oder fliegen auf Wolke 7. Das kann absolut gerechtfertigt sein (Aleppo), es kann möglicherweise gerechtfertigt sein (Trump, der widerwärtig sein mag, dessen [nicht-]Leistung als US-Präsident wir jedoch noch nicht absehen können) oder es ist absolut ungerechtfertigt (mein Jahresrückblick mit Svenja: „alles war doof“ – dazu wann anders mehr).

Die Welt leidet an Hysterie

1. An der obigen Aufzählung wird ein großes Problem deutlich. Je dramatischer ich mein persönliches Schicksal bewerte, umso weniger Aufmerksamkeit kommt den tatsächlich bedauernswerten Geschehnissen zu. Wie egal kann es eigentlich sein, ob ich drei oder vier Paar Schuhe habe, wenn andere Menschen nichts zu essen haben? Wie vollkommen uninteressant ist es, ob Veganismus eine Ernährungsmethode ist oder eine moralische Aussage trifft, wenn anderswo Menschen getötet werden?

Mit ziemlicher Sicherheit beantworten die meisten von uns diese Frage im Kopf auf die selbe Art und Weise. In gewissen Momenten spielt das aber keine Rolle – da regen wir uns dann trotzdem auf, dass ein gepackter Karton mit abzugebenden Altkleidern immer noch im Keller steht. Die Wut, die wir dadurch auf uns selber haben, weil wir uns Untätigkeit vorwerfen, lässt viele Probleme außerhalb unseres Kopfes auf magische Weise verschwinden.

Wir verlieren zu viele Dinge aus den Augen, weil wir allem die höchste Priorität zugestehen. Häufig genug lähmt das unser Handeln.

Und wir leiden mit.

2. Wir sollten deswegen kein schlechtes Gewissen haben. Ich kann zumindest von mir behaupten, dass ich nicht die Kraft hätte, jede Sekunde im Kopf mitzuzählen, wieviele Menschen so eben gestorben sind. Und wenn diese Kraft doch da wäre und mir das Ausmaß der menschlichen Tragödien auf diesem Planeten in jeder einzelnen Sekunde bewusst wäre – wäre es mir dann noch möglich an das Gute zu glauben? Würde ich überhaupt noch versuchen Gutes zutun oder schiene es nicht aussichtslos? Wir dürfen uns gut fühlen. Das bedeutet nicht, dass es uns an Empathie fehlt oder wir ignorant sind.

Es ist aber nur allzu menschlich, sich auch mal nicht gut zu fühlen. In diesen Momenten sind wir durchaus anfälliger dafür, uns von den hysterischen, polarisierenden und dramatisierenden Nachrichten anstecken zu lassen. Und indem wir entsprechende Nachrichten verbreiten oder ständig das damokleische Schwert über unserem Leben schweben sehen, tragen wir wenigstens zur Präsenz der Hysterie bei.
Von der Hysterie leben Populist_innen, lebt der Boulevard. Ich kann mit beiden nichts anfangen, aber indem viele einfache Sachverhalten – auch durch mich – in unserem Leben übertrieben werden, wirken ihre berechnenden Handlungen im Gesamtbild nicht mehr so extrem. Sie werden zur Äußerungen, wie sie jederzeit und überall geäußert werden.

Die AfD macht sich dieses Verhalten zu nutzen, indem sie gezielt stark überzogene Ansichten äußert. Die weniger radikale Position, welche sie der Gesellschaft als Versöhnungsangebot bietet, erweckt dann den Anschein des Harmlosen – ist sie tatsächlich aber nicht.

Dennoch ist der Vorfall (Alexander Gauland über Jérôme Boateng als Nachbarn) exemplarisch für die Aufmerksamkeitsstrategie der Partei: Provozieren und anschließend den Rückzieher machen. Das Militär sagt zu dieser Kampftaktik: hit and run. – Tilman Steffen, AfD: Provozieren, relativieren, dementieren.

Wie sagte meine Nachbarin kürzlich zu mir: „Ich habe nichts gegen Ausländer, meine Tochter hat früher auch immer mit einer gespielt und die ist so nett. Und bestimmt deutscher als viele hier im Land. Aber im Moment wird das einfach zuviel. Wir nehmen die auf und ich soll mich jetzt komplett verschleiern. Nee, wir sind einfach viel zu nett.“ Du kannst dir vorstellen, dass meine Gesprächslust sich auf „Nein, sehe ich nicht so, das stimmt so meines Erachtens nicht, nein, nein, nöö, Tschüß“ beschränkte.

Sobald wir uns selber in eine Geschichte hereinschreiben, wird es mit der Rationalität schwer. Wir alle haben Probleme und jedes davon ist ernstzunehmen. Ernstnehmen bedeutet aber nicht es über alle Maßen zu erhöhen und eine Verschwörung des planetaren Gefüges gegen unsere singuläre Existenz zu wittern.

Nein, unser persönlicher Kampf mit dem Schuh- oder Buchregal ist nicht schuld an Trump, der AfD oder irgendeiner Krise. Ja, wir berauben uns unendlich vieler guter Gespräche und Gesprächspartner, weil wir häufig kein Maß mehr kennen und alles auf diese Höhepunkte hindramatisieren. Und wir helfen denjenigen, die sinnvolle Gespräche als Hindernis ansehen und nur auf Aufmerksamkeit aus sind.

Und genießen unser Leiden auch noch

3. Wie jetzt? Wir genießen unser Leiden? Du spinnst, Marc. Ja, tue ich tatsächlich häufig, aber mit Hilfe einiger Wissenschaftler_innen kann ich behaupten zumindest teilweise recht zu haben.

Schau, viele Unternehmen im Internet leben von Hysterie. Sie finanzieren sich über Werbung und die muss angesehen werden, also tun sie alles in ihrer Macht stehende, um uns anzuziehen. Ihre besten Methoden sind krasse Überschriften oder bestimmte Bilder, die viel mehr versprechen als das, was im Artikel tatsächlich drinsteckt (meistens). Wir nennen das clickbait. In einem einzigen Satz oder Bild wird uns die Lösung für ein Problem versprochen. Diese Lösung nehmen wir gern an. Warum? Weil unser Belohnungszentrum im Gehirn dabei anspringt, als hätten wir Sex. (yay Dopamin!) Nun enttäuschen uns die Artikel häufig genug mit ihren Lösungen, müssten wir also nicht irgendwann merken, dass man uns reinlegt? Nein!

What’s really interesting is what happens when you reduce the reward frequency. When it [Die Erfüllung des in der Überschrift versprochenen, Anm. sadfsh] comes only 50 percent of the time, dopamine levels go through the roof. – Bryan Gardiner: You’ll Be Outraged at How Easy It Was To Get You Click on This Headline

Anmerkung Apfelmädchen: Diese 50% sind übrigens ein Beispiel für operantes Konditionieren bzw. das, was wir in der Psychologie intermittierende Verstärkung nennen. Deshalb quengeln Kinder immer wieder an der Kasse, auch wenn du nur in einem von 10 Fällen nachgibst – dranbleiben lohnt sich dementsprechend, weil man ja nie weiß, wann dieser eine Fall eintritt.

Im Versuch der Welt, ihrer Probleme und all dem zu entkommen, was uns hysterisch macht, nehmen wir eben die Angebote wahr, die mit genau diesen Mitteln spielen. Für einen kurzen Zufriedenheitskick verschwenden wir häufig Zeit und Lebensfreude, indem wir uns dauerhaft Enttäuschungen aussetzen. Die nächste Extase kommt bestimmt. Aber wollen wir 2% Extase und 98% Melancholie oder wäre soetwas wie 50% Zufriedenheit und 50% Unlust nicht netter?

Ein Wunsch für 2017 – De-Eskalation

4. Neulich verschlug es mich auf eine Schulung. An Tag 1 hatte ich etwas anderes auf dem Teller als die Omnivoren und ich hatte etwas anderes auf dem Teller als die Vegetarier_innen. Die Frage nach dem Grund kam auf: Veganer. Macht mir ja nichts, es zu sagen. Versteh mich nicht falsch, man hat mich nicht angefeindet und sich eher einen Spaß daraus gemacht, mir missionarische Tendenzen vorzuwerfen, aber in meinem Gefühl wurden die Gespräche über Ernährung besser, nachdem ich mehrfach betont habe, dass mir die Ernährungsweisen meiner Mitmenschen egal sind. Und sie wurden besser, nachdem ich mich selbst veralbert habe.

Bin ich mir untreu geworden? Bin ich einem Konflikt aus dem Weg gegangen? Sehe ich nicht so. Ich habe das Gespräch über Ernährungsformen hoffähig gemacht, ohne jemanden zu verletzen. Andernfalls hätte es kein Gespräch gegeben. Und das ist die schlimmste Art von Miteinander: Menschen auf zwei Seiten einer Sache, die schreien und doch nichts hören. Oder Menschen auf zwei Seiten, die nach einem kurzen Blick aneinander stillschweigend vorübergehen, weil sie nicht wahrnehmen, wie gut sie sich austauschen könnten.

So schwer es auch ist sich für die immergleichen Eigenheiten zu erklären oder diese zu entschuldigen. Bei alltäglichen Sachverhalten sollten wir das wegstecken und Schritte auf unsere Gegenüber zugehen.

Ein Hoch auf die Skepsis

Ich gebe mich nicht der Illusion hin, wir könnten mit etwas mehr Gelassenheit alle Probleme verschwinden lassen. Nach dem Tippen dieser Worte könnte ich fünf Minuten durch die Nachrichten des Tages scrollen und ich wäre sofort wieder überwältigt, von der Menge an Dingen, die geschehen. Frau Meike hat unbeschreiblich gut zusammengefasst, was mit vielen geschieht:

Für manche von uns ist das [Bilder von Terroranschlägen, Anm. v. sadfsh] zu viel. Diese Menschen sind auf der Suche nach einem Sicherheitsgefühl, das sie verloren haben. Und wo sie einen Prügelknaben für diesen Verlust finden können, da prügeln sie. Zuerst waren es die gierigen Griechen, dann die gierigen Flüchtlinge. Sie wissen nicht, dass das, was sie verloren haben, nichts Materielles ist, nichts Greifbares, sondern die Unschuld der Unwissenheit. Etwas, das sie auf keinem Wege wieder zurückbekommen können. Auch nicht, wenn die Flüchtlinge wieder weggehen. Sie haben verloren, nichts von dem Elend der Menschen zu wissen. You can’t unsee it.- Frau Meike: Das Zeitalter der Massenhysterie

Und ja, da ist es natürlich nach einfachen Lösungen zu suchen. Ein Fußballer hinterzieht Steuern? Alles geldgeile, unmoralische Kapitalisten. Ein Politiker lässt sich instrumentalisieren? Nur wirtschaftshörige Marionetten vom Kreis- bis in den Bundestag. Ein Student nimmt sich drei Tage frei? Alles faule Sozialschmarotzer. Ein Journalist lügt oder sagt nicht, was jemand hören will? Lügenpresse, alle Redaktionen miteinander.

50 solcher Erklärungen und die Welt liegt vor uns wie ein offenes Buch. Aber ist das ein lesenswertes Buch? Auch ich kann mich dem nicht erwehren verallgemeinert zu denken. Aber vielleicht können wir hin und wieder unsere Vorfahren ehren und mit Errungenschaften wie Skepsis und rationaler Entscheidungsfindung einzelnen Aspekten des Lebens auf den Leib rücken. Und wenn wir das alle für unsere Spezialgebiete so tun, vielleicht verstehen wir dann irgendwann ein Prozent allen Geschehens auf der Welt so richtig, statt 50 Prozent mit ein und derselben Bild-Schlagzeile zu erklären, weil es so gemütlich ist.

Mir wäre das lieber. Und dir?

5 Kommentare zu “4 Gründe, warum wir weniger hysterisch sein sollten

  1. Ein Feuer zu löschen, in dem ich Quoten-Öl hinein gieße, hat noch nie geholfen. Danke daher für diesen phantastischen Text!! Er hat mir sehr gut getan.

  2. Danke. Für eure Gedanken und Worte, die diese Zeiten nicht treffender beschreiben könnten. Meine persönliche Universallösung lautet hierzu „Abgrenzung“. Nicht gleichbedeutend mit Ignoranz, überhaupt nicht, aber mit dem Schutz meiner selbst. Abgrenzung dieser Hysterie gegenüber, die ihr so treffend beschreibt. Es gelingt mir nicht immer, aber immer öfter. Skepsis gegenüber den scheints vorgefertigten Schlagzeilen und „Informationen“ durch die Medien in Kombination mit Abgrenzung lässt mich den täglichen Wahnsinn eher ertragen.

    • Hallo Beate,
      vielen Dank für die netten Worte.
      Abgrenzung ist ein gutes Stichwort. Ich und wir haben auch damit gehadert, dass der Text nicht falsch zu verstehen sein soll, denn eine Abkehr vom Politischsein möchte ich in keinem Fall erreichen. Aber sich zu distanzieren, nicht im emotionalen Chaos Entscheidungen zu treffen, das sind Aspekte, die ich mir wünsche.
      Und genau wie du kann ich definitiv nicht behaupten, damit immer erfolgreich zu sein. Macht aber nichts.
      Ich wünsche dir einen guten Start in die Feiertage.

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