Achtsamkeit

Wie ich die besonderen Momente des Alltag schätzen lernte

Jedes Jahr im Frühling erblühen in der Fußgängerzone des Essener Stadtteiles Rüttenscheid die Kirschblüten und tauchen die ganze Straße in eine magische, rosa Welt. Wenn sadfsh und ich in dieser Zeit unseren Wocheneinkauf auf dem Markt erledigen, warte ich immer sehnsüchtig auf einen Windstoß, der ein paar der zarten Blütenblätter auf unsere Jacken und in unsere Haare weht. Fast wie natürlicher Feenstaub.

In diesem Frühjahr wollte ich die Blütenpracht endlich mit der Spiegelreflexkamera einfangen, um sie als wunderschöne Erinnerung in unser Fotoalbum kleben zu können. Die Wochen vergingen, ich ließ mich von dem Anblick verzaubern und vergaß zuverlässig jeden Samstag die Kamera einzupacken. Neulich nun waren wir auf dem Weg zu unserer Lieblingspizzeria und sadfsh erinnerte mich daran, die Kamera einzustecken, um endlich den heiß ersehnten Schnappschuß zu tätigen. Auf der Rüttenscheiderstraße angekommen musste ich feststellen, dass die Blüten verblüht und die Magie verschwunden war.

Und es war nicht schlimm.

Denn – und dies ist die erste und vielleicht wichtigste Erkenntnis meiner zur Zeit stattfindenden 100 happy days – Challenge – besondere Momente tragen wir in unserer Erinnerung, in unserem Kopf und in unserem Herz. Welche anderen Erfahrungen und Erkenntnisse ich während der mittlerweile mehrere Wochen andauernden Challenge gemacht habe, möchte ich dir im heutigen Beitrag erzählen.

(Wenn du jetzt gar keine Ahnung hast, wovon ich spreche, dann lies am besten zuerst den Ankündigungsbeitrag: 100 happy days oder warum ich seit einer Woche jeden Tag ein Foto mache) Tag 9 - 11 der 100 happy days Challenge

Manche Dinge lassen sich nicht fotografieren.

Mit meinen Bildern für die Challenge habe ich bisher häufig versucht eine kleine Geschichte zu erzählen oder über die Bildbeschreibung bei Instagram ein wenig Kontext zur Aufnahme zu teilen. Leider lassen sich die wichtigen Dinge im Leben nicht immer so ablichten wie ich es gerne hätte. Wie halte ich z.B. Liebe auf einem Bild fest? Wie fange ich das Rauschen der Bäume ein, wenn ich bei geöffnetem Fenster arbeite?Tag 12 - 14 der 100 happy days Challenge

Tägliches Fotografieren schult deinen Blick für die besonderen Kleinigkeiten.

In den letzten Wochen habe ich, auch in der Folge von obigen Punkt, nicht nur sehr viel über Bildkomposition, sondern auch über das Einfangen von Licht und von Stimmungen gelernt. Ich habe versucht, diese unsichtbaren Momente irgendwie einzufangen, was mir meist nicht geglückt ist. Dennoch (und da greife ich die einleitende Erzählung wieder auf) musste ich lernen, dass es vielleicht bei diesem Projekt auch gar nicht darum geht.

Tag 15 - 17 der 100 happy days Challenge

Zu hohe Anspräche können dich blockieren. Perfektionismus ist nicht das Ziel.

Mindestens genauso wenig geht es um perfekte Bilder. Mein eigenes Streben nach Perfektion hat mich das ein oder andere Mal davon abgehalten eine gemachte Aufnahme mit der Welt zu teilen. Wer will schon meine semiprofessionellen Bilder sehen, dachte ich. Bis mir aufgefallen ist, dass es bei dieser Herausforderung ja gar nicht um das Produkt, also das fertige Bild geht, sondern um meine Aufmerksamkeit für das Besondere im Alltag.

Tag 18 - 20 der 100 happy days Challenge

Andere Menschen mögen meine Bilder.

Mit diesem Punkt hatte ich zu Anfang gar nicht gerechnet. Neulich noch habe ich mich zu absoluter Unkreativität bekannt und plötzlich schreiben mir fremde Menschen nette Dinge unter meine Fotos. Danke!

Tag 21 - 23 der 100 happy days Challenge

Essen ist verdammt wichtig für mich. Und Blumen.

Vielleicht ist es dir schon aufgefallen, als du die Bilder angeschaut hast. Gutes Essen und frische Blumen bereichern meinen Alltag viel mehr als ich es vor Beginn der Challenge gedacht hätte. Seit mir dieser Umstand bewusst geworden ist, achte ich noch mehr darauf, frische und gesunde Dinge zu essen. Meine neueste Entdeckung als kleiner Snack: Datteln.

Tag 24 - 26 der 100 happy days Challenge

Ich bin tatsächlich glücklicher.

Auch wenn ich vor Beginn der Challenge nicht unglücklich gewesen bin, kann ich spüren, dass das genaue Beobachten mich viele Dinge noch etwas intensiver erleben lässt. Ich lausche dem Rascheln der Blätter genauer, finde beim Spazierengehen kleine Graffitis, die mir zuvor nicht aufgefallen sind und kann mich an manchen Tagen gar nicht entscheiden, welcher Augenblick nun der schönste des Tages gewesen ist.

Noch ist meine persönliche Glückschallenge nicht zu Ende und ich bin gespannt, wie sich die nächsten Tage und Wochen auf meinen Alltag auswirken werden.

P.S.: Die Bilder im Beitrag zeigen nur einen Teil dessen, was ich während der letzten Wochen so geknipst und bei Instagram geteilt habe. Wenn du mehr sehen oder die dazu gehörigen Beschreibungen lesen möchtest: @apfel_maedchen auf Instagram.

Heißt zwar Apfelmädchen, mag aber eigentlich lieber Erdbeeren als Äpfel. Lebt minimalistisch, nachhaltig und vegan. Studiert Psychologie. Liest leidenschaftlich gerne Bücher & Comics. Interessiert sich für die Zukunft (Science Fiction, Dystopien, Postwachstumsökonomie), aktuelle Politik und Feminismus. Organisiert von Zeit zu Zeit Events wie die Konsumauszeit oder die Minimal Kon. Verbringt zu viel Zeit auf Twitter.

6 Kommentare zu “Wie ich die besonderen Momente des Alltag schätzen lernte

  1. Hallo Svenja,

    Datteln genieße ich in den letzten Wochen auch sehr. 🙂 Ich möchte mir ein paar Kerne mit nach Deutschland bringen. Vielleicht wird ja im Garten meiner Eltern etwas daraus.

    Noch etwas Philosophisches für das Ende! 🙂

    Mit dem Glück und Zufriedenheit verhält es sich genauso wie mit Dattelkernen und Wasser: Ein wenig mehr vom letzteren bewirkt viel mehr von ersterem.

    Lieber Gruß,
    Philipp

  2. Wow, was für ein schöner Artikel. Bringt mich zum Nachdenken. Ich persönlich habe nach dreieinhalb Jahren Schufterei in der Gastronomie das Gefühl, mich nicht mehr so richtig auf kleine Momente einlassen zu können. Und es fehlt mir schrecklich. Vielleicht wäre so ein Fotoprojekt genau das Richtige für mich? Ganz ohne perfektionistische Erwartungen. Vielleicht genau das, was ich gerade brauche.
    Danke für die Anregung!

  3. Ich mag Deine Fotos! Diese Aktion „100 happy days“ finde ich super!

    lg
    Maria

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